Der kopflose Jacob

Ein Fall für Silvia Franz

Ein Grimm wurde geköpft!

Und ganz Hanau steht Kopf.

Während Silvia Franz einen Arbeitstag einspart, ihren Ex belästigt und dem abgetrennten Bronzeschädel samt der möglichen, siebzigjähren

Täterin auf den Fersen ist, verliert tatsächlich ein Jacob sein Leben. Zufall?

Oder das makabre Spiel eines einfallsreichen Mörders?

Die Antwort scheint zum Greifen nah, wären da nicht Silvias Mutter, drei Katzenschicksale und das wachsame Auge von Hanaus erprobtem Polizeihauptmeister …

Silvia Franz, chronisch verspätete Angestellte einer Frankfurter Versicherungsgesellschaft, verbringt einen Großteil ihrer Zeit notgedrungen in der S-Bahn zwischen Hanau und Wiesbaden.

Dabei stolpert die liebenswerte Chaotin gerne über die Leichen im Keller ihrer Mitmenschen, tappt in das nächste kriminalistische Fettnäpfchen und steht, ehe sie sich versieht, mitten im Kreis der Verdächtigen.

Vorwort

 

Ich heiße Silvia Franz, bin 32 Jahre alt und verspüre regelmäßig einen Heißhunger auf Vanillekipferl – unabhängig von der Jahreszeit. Dank meiner Mutter, die mir von klein auf vermittelte, dass ich nur durch ausnehmende Fähigkeiten im Leben weiterkommen kann, beherrsche ich das umfangreiche und variable Stimmrepertoire eines Höckerschwans, inklusive der mehrsilbigen Verteidigungs-Ächz-Laute gegenüber Fressfeinden. Im Laufe der Jahre musste ich allerdings feststellen, dass mich diese Fähigkeit im Alltagsleben nur bedingt weiterbringt.

Per Dauerauftrag spende ich 9 % meines Nettogehaltes an PETA, NABU und WWF, gehöre lt. Statistik zu den 65 % der Zungenroller und hatte, umgelegt auf die letzten fünf Jahre, 0,2-mal Sex.

Mein ganzer Stolz ist mein schwarzes FIAT 500-Cabrio aus 3. Hand, meine roten Lackpumps von Giuseppe Zanotti aus 2. Hand und Lenny, der Boomer-Mischling, aus der Hand der toten Wohlfarts Annie.

Ich finde, das sollten Sie wissen, bevor ich Ihnen von den Ereignissen berichte, die mein Talent der Vogelstimmenimitation erforderten, Lennys Beschützerinstinkte weckten und mich der Chance auf Erhöhung meines Sex-Quotienten erheblich näher brachten.

 

Ihre Silvia Franz

Prolog

 

Das Buch lag aufgeschlagen auf dem Couchtisch. Der alte Schinken stach aus dem Chaos hervor, wie ein Sterntaler zwischen Kippen, Schachteln und Dosenbier. Ein abgegriffenes, verranztes Stück zerfledderter Blätter, deren brauner Umschlag die Worte darauf am seidenen Faden zusammenhielt. Jemand hatte es wie Abfall in seinem Garten entsorgt. So, wie sein Leben es mit ihm getan hatte.

Die linke Seite war durch einen Knick markiert. Tiefschwarze Buchstaben glotzen ihn von dem vergilbten Papier heraus an. Sie hatten schon beim ersten Lesen Sinn ergeben. Aber heute, an diesem verfluchten Tag, wurden sie zu soviel mehr. Als sein Finger über die Seite fuhr und er die raue Beschaffenheit des Blattes erspürte, begriff er, dass es ein Schicksal gab. Eine Bestimmung, selbst für einen Verlierer wie ihn.

Bevor er seine Aufgabe annahm, zog er noch mal an der Kippe, sog ihren Rauch tief in sich hinein. Dann drückte er den Stummel an der eingedellten Bierdose aus und las das Ganze, nur um sicher zu gehen, noch mal von vorn …

 

… Als der Kopf fiel, geschah etwas Unerwartetes.

Auf den dumpfen Schlag des Aufpralls, der in jedwedem Traum eines jeden alles hätte bedeuten können, schlug ein einzelner

Kläffer an.

Dem hielt ein zweiter entgegen. Und als sich die Scheibe des Mondes hinter den schwarzen Wolken hervorschob und das weiße Licht des Trabanten auf das Stück Bronze fiel, da stimmten mit einem Mal alle Hunde ringsum in das aufgebrachte Bellen mit ein, bis sie sich in einem schaurigen Jaulen vereinten.

Die Hand des Menschen zitterte.

Blutig von der Tat, erschüttert von den unübersehbaren Zeichen, die auf das Unrecht folgten.

Doch dann setzte der Regen ein. Und spülte nicht nur das Blut fort. Die Hand fand wieder Kraft und der Mensch seinen

Glauben. So musste es eben sein. Die Rache des Einzelnen brachte letztendlich für alle Gerechtigkeit.

Kurz darauf verschluckten die Wolken den Mond.

Und die Hunde verstummten.

Zurück blieb das Fragment aus Bronze.

Der Mensch aber stahl sich in der Dunkelheit fort …

 

Er nickte. Er wusste genau, was zu tun war, stand auf und folgte seiner Bestimmung.