"Jetzt malt sie auch noch!"

Tatsächlich male ich schon viel länger, als dass ich schreibe.

Still vor mich hinzumalen, während der Regen gegen die Scheiben prasselt und meine Mutter ein Schnitzel in der Pfanne brutzeln lässt, sind meine frühesten Erinnerungen daran, etwas für mich zu zaubern.

Dieses Kribbeln, wenn ich dem weißen Blatt Papier ein Geheimnis entlocke, den Kreidestift dazu bringe, den

fantastischen Welten meines Kopfes Gestalt zu geben … Ganz so wie beim Schreiben (aber das erkannte ich erst viele Jahre später).

Als Erstes erkannte ich, dass ich Menschen, ihre Gesichter, ganz anders betrachtete und malte, wie meine Altersgenossen. Es passierte im Religionsunterricht der fünften Klasse. Wir sollten zu einer Geschichte aus der Bibel ein Bild malen. Ich entschied mich für Jesus und seine Jünger (also sehr viele Menschen) während andere spitze Berge und brennende Büsche bevorzugten. Für Mut und Ausführung erntete ich von allen Seiten Lob. Immerhin hatte ich Jesus und seinen Anhängern realistische Augen und Nasen verpasst (und nicht nur Kurven im Profil).

Angespornt von soviel Anerkennung, entdeckte ich mein Faible für Portraits. Und ich malte sie ...

... natürlich im Stillen.

Ich verbesserte mich, indem ich einfach malte. Für mich, zu Hause. Und dann geschah das, was ich heute als mein „Outing“ bezeichne: In der neunten Klasse forderte uns unser Kunstlehrer dazu auf, zu malen, wozu wir "Lust hätten"! Wir sollten uns ein „Objekt vornehmen“, egal welches und es mit egal was „abbilden“. Eine Offenbarung!

Keine langweiligen Vorgaben, kein Verbiegen von Materialien, die mir eh nicht lagen!

Natürlich malte ich ein Portrait: Harrison Ford als Indiana Jones (hey, es waren die 90er!).

Verstohlen klappte ich meinen Zeichenblock auf und erwartete irgendwie jede Menge Kritik, oder, von allen Seiten belächelt zu werden. Aber mein Lehrer ermutigte mich und spornte mich weiter an (Herr Diener, falls sie durch einen riesigen Zufall das jemals lesen sollten: DANKE! Wegen ihnen male ich erst wirklich!).

Am Ende hatte ich den Respekt meiner Klassenkameraden und eine fette Eins. Außerdem gewann ich im selben Jahr den 20. Internationalen Jugendwettbewerb „Luft ist Leben“ in meiner Altersklasse. Wenn auch nicht mit Harrison Ford, sondern einem Schmetterling. Egal. Der Bann war gebrochen. Ich traute mich in die Öffentlichkeit, trat in den örtlichen Kunstverein ein (an dieser Stelle ganz liebe Grüße an alle Kollegen und Freunde der GSK) und stellte fast jährlich aus.

Es gab eine längere Pause und das Schreiben forderte mehr Aufmerksamkeit. Aber es sind noch immer die wertvollsten Momente, nur für mich, im Stillen, wenn ich ein weißes Blatt Papier zum ersten Mal mit dem Zeichenstift berühre (ganz so, wie beim Schreiben) und in die Welt einer anderen Seele eintauche.

Das ist es, was das Malen für mich ausmacht.

Jetzt ermöglicht es unser Verein, die GSK, dass ich mit zwei wundervollen Kollegen, Bilder der letzten Jahre in einer Ausstellung präsentieren darf. „Retro(per)spektiven“ sozusagen.

Vielleicht habt ihr Lust und Zeit, einmal vorbeizuschauen, einzutauchen in die Stille, in fremde Welten.

Vielleicht sind es auch eure …

Bis bald!

Eure Simone

SAM Wolf