Mein Blog

Berühmte Erzählungen, mein Alltag und ich

Warum es an der Zeit ist, einen Blog zu schreiben ...

Foto: T. Paris

... ganz einfach: Ich bin meinem Herzen gefolgt. Und schreibe.

Seither passieren die aufregendsten, lustigsten und überwältigsten Dinge ... jeden Tag ... direkt vor meiner Nase. Geschichten entstehen. In meinem Kopf. Und bleiben.

Auf Bildern, Papier, in meinen Gedanken.

Und manchmal erwachen uralte Märchen, ehrwürdige Klassiker und aktuelle Bestseller zum Leben.

Direkt in meinem Alltag.

Und in eurem?

Für alle, die wissen, dass gute Geschichten jeden Tag aufs Neue passieren,

möchte ich hier die Gelegenheit geben, ein wenig mitzulesen ...

Das Phantom der Erwartung

Morgens, 6:30 Uhr.

Der Wecker piepst. Ich schlage zu und die Bettdecke zurück. Ich denke, ich weiß, was mich heute erwartet. Zumindest habe ich eine genaue Vorstellung.

Ich schwinge meine Beine über die Bettkante, schlurfe ins Bad, blicke in den Spiegel: Pickel auf der Stirn.

Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Ich ignoriere das erste Problem und ziehe weiter in die Küche.

Die Kaffeemaschine blubbert, der Wasserkocher brodelt, das Brot im Brottopf ist geschimmelt. Über Nacht. Ich bin frustriert. Zwei Enttäuschungen am frühen Morgen ist eine zu viel.

Unnötig zu erwähnen, dass fast nichts an diesem Tag wie geplant vonstattenging: Kein Parkplatz im Schatten,

Angebote ausverkauft, Benzinpreis bei der Rückfahrt um 10 % gestiegen – Müllabfuhr in der Einbahnstraße, Wanderbaustelle, einseitige Sperrung der Doppelspur – zu spät auf der Massageliege, keine Entspannung aufgrund zu kalter Hände über mir – Schreibpensum vereitelt durch Migräne, der sportliche Einsatz

von verfrühter Periode und das lang ersehnte Sushi-Essen durchkreuzt von Sodbrennen.

Ich dagegen hatte mit einem reibungslosen Ablauf hinsichtlich meiner Planerfüllung gerechnet. Arroganterweise

nicht mal deren Abweichen in Betracht gezogen. Ging schließlich um Alltägliches. Ich hatte erwartet, dass meine Umwelt mitspielt und sich das Leben nach meinen Vorstellungen richtet. Die Erwartung hat wie ein Phantom in meinem Keller gehockt und nur darauf gewartet, sich an meiner Enttäuschung zu ergötzen.

Hat ja sonst nix.

Im Kopf pocht´ s, im Bauch brennt´s, im Unterleib zieht´s. Ich ergebe mich. Sage alle weiteren Vorhaben

für heute ab, brühe frischen Lavendeltee und mümmle mich in meinem Ohrensessel.

Auf der Kaminkonsole neben mir stehen meine Lieblingsbücher aufgereiht. Um mich abzulenken, greife ich nach einem. „Das Phantom der Oper“ liegt nun auf meinem Schoß. Ich schlage auf …

 

[…] Sie redeten alle durcheinander. Das Phantom war ihnen als Herr im Frack erschienen, der im Korridor plötzlich vor ihnen auftauchte, ohne dass sie zu sagen vermochten, woher er kam. Man hätte meinen können, er wäre aus der Wand getreten.

„Ach“, sagte eine von ihnen, die ihre Kaltblütigkeit einigermaßen bewahrt hatte, „überall seht ihr das

Phantom.“

Tatsächlich wurde seit einigen Monaten in der Oper nur noch von dem Phantom im Frack geredet, das wie ein

Schatten durch das ganze Gebäude huscht, das nie jemanden anredet, das niemand je anzureden wagte und das zudem in Nu verschwand, sobald man es erblickte, ohne dass man zu sagen vermochte, wohin und wie. Es bewegte sich lautlos, wie es sich einem echten Phantom ziemt. Anfangs lächelte und spöttelte man über dieses wie ein feiner Herr oder wie ein Leichenträger gekleidete Gespenst, aber schon bald nahm die Legende des Phantoms im Corps de ballet ungeheure Ausmaße an. Alle behaupteten, diesem übernatürlichen Wesen schon einmal in irgendeiner Form begegnet und seinen Hexereien zum Opfer gefallen zu sein. […]

 

Ich lehne mich zurück. Auch ich fühle mich heute als Opfer des Phantoms. Das Phantom meiner Erwartungen.

Wenn ich jetzt an meine Pläne denke, die ich für die nächsten Wochen geschmiedet habe, wird mir schlecht. Und vor denen, die noch dieses Jahr betreffen, bekomme ich regelrecht Angst.

Immerhin sind zwei Drittel der 12 Monate bereits futsch.

Meine Bestandsaufnahme wird zum Zwiegespräch mit dem Phantom …

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Da steht´s! Also stimmt´s?

Samstag. Nachmittag. Wir, eine Handvoll Autorinnen und Autoren, treffen uns zum zweiten Mal in diesem Monat zum konspirativen Austausch. In einem Café. Folgerichtig geht es zuallererst darum, die Verpflegung der nächsten vier oder fünf Stunden sicherzustellen.

Fett, Zucker und Koffein werden von der verschmitzt lächelnden Bedienung in ansprechender Form serviert. In befriedigendem Verhältnis öffnen sie den einen oder anderen Geist und entspannen so manches Sitzfleisch. Für Vertreter von Nahrungsunverträglichkeiten eine Katastrophe … aber das ist eine andere Geschichte.

Tatsache ist: Wir haben das Schreiben fest in unseren Alltag integriert. Es ist ein bedeutender Teil unseres Lebens. Und wir brennen darauf, „darüber zu reden“. Wir wollen die Worte, die uns auf dem Herzen liegen, zum Leben erwecken, ihnen eine Stimme geben. Nicht nur auf dem gedruckten Kopierpapier und den bekritzelten Karoblättern, die wir ehrfürchtig vor uns ausgebreitet haben. Auch die Worte anderer, festgehalten zwischen zwei Buchdeckeln und betitelt als „Bestseller“

regen uns an, darüber zu reden und – wie sollte es anders sein – zu diskutieren.

 

Mein Schreibkollege hebt die Hand. Ich halte inne. Das Glas Latte macchiato soll erst aufgefüllt werden. Der

Duft frisch gerösteten Kaffees zieht durch das Separee. Die erfahrene Bedienung steht schon längst bereit, ein kesser Spruch kommt über ihre Lippen. Mein Nachbar wischt sich freudestrahlend den restlichen Milchschaum von den eigenen.

Weiter im Text. Wir diskutieren. Denn es gibt viele Blickwinkel auf eine Sache, mindestens zwei Seiten der Medaille und mehr Geschmäcker als Tatsachen. Wie in einer Beziehung eben. Und auch wir legen ganz viel Liebe in unser Schreiben und sind enttäuscht, wenn diese nicht erwidert wird.

 

Immerhin können wir beeinflussen, wie das Geschriebene bei unserem Gegenüber ankommt. Wir geben unseren Worten Rückgrat. Prägendes Beispiel für mich war der Moment, als mich eine unbeteiligte Angestellte der Damenoberbekleidung eines Kaufhauses äußerst besorgt fragte: „Ist dir schlecht? Kann ich dir helfen?“

Ich war acht, von Natur aus sehr blass und vertrieb mir die Langeweile als Shoppingbegleiterin mit

scheinbar leidendem Blick in meine Einkaufstüte, während ich gekrümmt auf einem Hocker vor den Umkleidekabinen saß.

Heute weiß ich es besser: Haltung und Gesichtsausdruck sprechen Bände.

 

Genau wie bei meiner Schreibkollegin. Ein interessierter Blick auf die Mitte des Tisches, dann eine leicht nach vorn gebeugte grüblerische Innenschau, die Hände bittend zusammengeführt, ein suchender Blick zur Raumöffnung. Die Bedienung hat´s genau wie ich erahnt, sie steht lächelnd bereit. „Ein Eisbecher bitte!“

Und meine Kollegin lehnt sich ebenfalls lächelnd und zufrieden zurück …

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Glaube, Liebe, Zeitmaschine

Für diesen Blog bin ich spät dran. Oder besser: Ich war spät dran. Er wurde nämlich nicht wie geplant im März veröffentlicht. Und ein Blick auf den Kalender bestätigt, dass nun der April auch schon so gut wie hin ist. Wenn ich dann noch in mein Mailpostfach schaue, den Manuskriptberg auf meinem Arbeitstisch bestaune und an meinen Haushalt denke …

Ganz ehrlich, es ist schon zu spät am Tag, um sich daran aufzureiben.

Ich gehe lieber ins Bett, greife zur Schlafmaske und wähle eine passende Tiefensuggestion auf meinem

I-Pod aus: 30 Minuten ‚Glaube an dich!‘. Und morgen werde ich dann endlich … seufz!

 

Was soll ich sagen? Ich bin immer noch spät dran. Nach den ersten Sätzen der wohlklingenden Stimme bin ich gestern Abend eingeschlafen. Kann mich noch an ‚Es existiert nur dieser Moment …‘ und ‚Sie schweben frei in Zeit und Raum …‘ erinnern. Keine Ahnung, wo der Tag danach geblieben ist. Ich sitze wieder auf der Bettkante, greife zur Schlafmaske und wähle heute: 45 Minuten ‚Liebe statt Angst!‘. Und morgen hole ich dann alles nach … stöhn!

 

Kaum aufgewacht erfasst mich Unruhe. Ich fühle mich getrieben. Obwohl ich liebe, was ich tue. Glaube ich.

Sicher glaube ich, dass ich mich mehr lieben müsste. Mit mir selbst mehr Geduld haben sollte. Oder?

Irgendwie geht mir alles zu schnell. Im Beruf, bei der Berufung, mit dem Leben. Und doch fühle ich mich, als steckte ich in einer Schlammgrube. Jeder Schritt ist zäh. Und wenn ich ihn geschafft habe, rutsche ich wieder ein Stück zurück. Was ich heute dennoch alles erledigt habe? Keine Ahnung. Viel, glaube ich. Für morgen habe ich jedenfalls noch genügend auf dem Zettel. Am liebsten würde ich die Zeit vor drehen. Oder besser zurück?

 

Ich sitze auf der Bettkante.

Die Schlafmaske liegt auf meinem Nachttisch. Genau wie der I-Pod. Akku leer.

Das Taschenbuch in meiner Hand ist dünn, der schwarz-gelbe Einband abgegriffen. Im Schein meiner Watt schwachen Leselampe stechen die kahlköpfigen roten Männchen mit den weißen Glupschaugen deutlich vom Buchumschlag hervor. Der Typ über ihnen, im schwarzen Anzug mit dem gepflegten Seitenscheitel, hält den Hebel in der Hand. Den Hebel von H. G. Wells Zeitmaschine.

 

Ich wünschte, ich hätte eine.

Wo ist die digitale Revolution, wenn man sie braucht? Von wegen Homo Digitalis!

Ich fand heute im World Wide Web noch nicht mal den passenden Druckertreiber zu meinem Betriebssystem. Es gibt ihn schlichtweg nicht mehr. ‚Zu viele‘ Jahre liegen zwischen Laptop und Multifunktionsgerät. Ich bin eben mal wieder zu spät dran. Und wünschte, ...

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Fifty Shades of Jacob - oder: Wie sexy kann Alltag schon sein?

Montagmorgen. Ich sitze vor Seite 147 meines unvollendeten Romans. Es ist an der Zeit, die erste Rohfassung zu überarbeiten. Und ich denke an Sex. Erotik zwischen meinen zwei Hauptprotagonisten.

Ich frage mich: Wie sexy sollte ein Roman sein? Oder besser: Wie viel Sex verträgt mein Jacob?

Gleich vornweg: Ich habe die Fifty-Shades-of-Grey-Romane nicht gelesen. Aus diesem Grund kann und möchte ich mir kein Urteil erlauben. Nur, mittlerweile dürfte sich der Inhalt grob verbreitet und seine popkulturellen Auswirkungen wohl bekannt sein. Und für mich als Autorin ist der Erfolg der Schreiberin Anlass genug, zweimal hinzusehen.

Auf den ersten Blick hat es E. L. James geschafft. Sie hat drei Romane fertiggestellt, wurde veröffentlicht

und hat literarische Aufmerksamkeit erlangt (wie wir wissen, gibt es keine schlechte Presse). Als i-Tüpfelchen wurden ihre Bücher verfilmt. Ich behaupte einfach Mal: der feuchte Traum eines jeden Autors.

Aber lag das nun rein am – zugegeben recht speziellen – Sex?

Ich schreibe schließlich einen Krimi heimatlicher Couleur mit humorvollen Seitenhieben auf die menschliche

Natur. Braucht´s da eine ordentliche Portion Sex, zweideutige Ausdrücke und deftige Anzüglichkeiten?

Schau ich da auf das Regal mit meinen Lieblingsklassikern (Rebecca, Das Phantom der Oper, Zimmer mit Aussicht …) hauen die zarten Andeutungen unterschwelliger Begierde heute niemand mehr vom Hocker. Auch mich nicht. Zum Glück wurden die alle lange vor Fifty Shades verfilmt.

Doch ich schreibe heute im Jetzt. Und meine Silvia kommt diesem Mann auf dem Papier vor mir doch recht

nahe. Es wird wärmer. Ein weinig näher noch. Also heiß. Und sie greift zu.

Aber, wie greifbar soll´s werden?

Auch wenn ich keinen erotischen Roman schreibe, so lohnt sich vielleicht dennoch ein zweiter Blick auf die Romantrilogie der britischen Autorin und deren Auswirkungen. Der erste Band führte die Bestsellerlisten

in mehreren Ländern an und hat sich allein in Deutschland über 5,7 Millionen Mal verkauft. Im Vereinigten Königreich war er sogar das schnellste jemals verkaufte Taschenbuch. Noch vor Harry Potter.

Da macht´s James bestimmt nichts mehr aus, dass Kritiker ihre Romanreihe meist negativ rezensieren. Unter anderem mit den Begriffen „Mommy porn – Fantasieexzesse von Frauen für Frauen geschrieben“, „Kitsch“ und „Arztroman ohne Doktor“. Die BDSM-Szene fühlt sich falsch wiedergegeben, Psychologen und andere Erotikautoren sprechen von Wiedergabe häuslicher Gewalt, psychisch als auch physisch. Die Negativliste nimmt kein Ende. Doch wir erinnern uns: Es gibt keine schlechte Presse.

Das „Ding läuft“, erfreut sich größter Beliebtheit und durchkreuzt immer wieder unseren Alltag. Wie der

Gedanke an Sex. Und wenn man nicht selbst dran denkt, bringt ein anderer bestimmt das Thema auf den Tisch. Wie erst letzte Woche geschehen.

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Frankenstein - oder das Monster Einsamkeit

Ich fühle mich einsam.

Mit allen negativen Allianzen, die dieses Gefühl fähig ist zu bilden. Um genau zu sein, seit dem zwanzigsten Dezember.

Statt wegen letzter vorweihnachtlichen Besorgungen mit anderen, zur feiertäglichen Hochform aufgelaufenen Mitmenschen, dicht gedrängt in der Stadt Schlange zu stehen und ihre Wärme zu spüren, schaffte ich es nicht einmal, allein auf meiner Couch eine Minute ohne Zittern aufrecht zu sitzen.

Auf meinem Einkaufszettel standen unter anderem noch Hirschmedaillons, Feldsalat und Süßkartoffel. Aber ich kam aus eigener Kraft nicht mal an den beschissenen Zettel heran, der im Flur am To-do-Brett wie ein Mahnmal hing. Und wenn ich an das Essen dachte ... oder an geselliges Beisammensein … Besuch?

Nein danke!

Ich wurde bereits heimgesucht. Von einer Kehlkopfentzündung.

Mein Geschenk zu Weihnachten: Redeverbot. Die Feiertage waren an Besinnlichkeit kaum zu überbieten.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und während ich schweigend, mit fiebrigen Tagträumen auf meiner Couch dahindämmerte, versuchte ich immer wieder die positiven Aspekte der Einsamkeit mir in Erinnerung zu rufen: Erholung, Gedanken ordnen, Kreativität wiederentdecken.

Und die Stapel unerledigter Zettel (wenn Bewegung wieder möglich) im Altpapier versenken.

Aber was ich entdeckte, waren bloß die verschwurbelten Inhalte kompliziert gefalteter Beipackzettel, die mir im Grunde davon abrieten, die Medizin, die vor mir aufgereiht stand (und noch steht), hinunterzuschlucken. Und die ganzen Blister und Flaschen, die statt Geschenke auf meinem Tisch ruhten und mit ihren hässlichen Umpackungen da einfach nicht hingehörten.

Die Unordnung nervte mich. Die Gefühlsduselei im Fernsehen rieb mich auf. Die rührseligen Lieder im Radio bohrten sich schmerzhaft ins Kleinhirn. Ich schaltete im wahrsten Sinne des Wortes ab. Die Zeit verging, die Uhren tickten vor sich hin.

Bei dem ersten Krankenbesuch meiner Mutter bat ich sie, die Batterien aus ihnen zu entfernen. Jetzt war ich

tatsächlich allein. Mit allen Sinnen.

Doch aus diesem Alleinsein heraus fühlte ich mich mit jedem Tag besser. Dadurch wurde mir aber auch Tag für Tag die Abweichung von der Norm bewusster. Mal ehrlich, krank zu sein passt einfach nicht in unser Weltbild. Es ruiniert die erkämpfte körperliche Form, unser liebevoll gepflegtes Erscheinungsbild und stört unsere wacker aufrecht gehaltene Funktion. Wir funktionieren nicht mehr, wie andere das von uns erwarten. Wie wir uns das von uns vorstellen. Es durchkreuzt unsere Ansprüche an uns selbst, zerstört unsere Routine, unseren gesamten Alltag.

Es waren nur noch wenige Tage bis Silvester und ich fühlte mich dazu berufen, meiner Umwelt wenigstens auf

den letzten Drücker alles Gute zu wünschen. Alleine zu sein – und auch sich so zu fühlen – ist doch schließlich der größte Makel, oder?

Doch bei dem kleinsten Versuch, mich meiner Umwelt mitzuteilen, hörte ich mich an wie Bonnie Tyler zu ihren Bestzeiten. Und während die anderen nebenbei den Koffer für den Skiurlaub packten, Raclette und Bleigießen vorbereiteten oder ihr Partydress für das Highlight des Jahres aus der Reinigung abholten, merkte ich bei aller

Willensanstrengung: Mein Körper war noch nicht bereit für das neue Jahr.

Lautstark stellte sich Husten ein. Jeder Böller am Einunddreißigsten verpuffte dagegen zu einem Rohrkrepierer. Mein Körper verkrampfte, ich schwitzte übermäßig. Am nächsten Tag konnte ich wieder nicht aufstehen. Jede Rippe quälte Entzündungsschmerz, meine verquollenen Augen nässten eitrig, meine Haare klebten fettig an meinem Kopf, die Lippen klein, schrumplig, eingerissen und eins war sicher: Nichts essen zusammen mit Antibiotika quellt um den Bauchnabel herum auf wie zwanzig Kilo Leibesfett.

Ich fühlte mich noch einsamer als zuvor, ausgestoßen, isoliert.

Ich fühlte mich wie ein Monster.

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Ein Blick in den Spiegel bitte, Dorian Gray!

Montagmorgen. Ich putze meine Zähne. Schon länger als nötig. Und vermeide so erfolgreich den Blick in den Spiegel.

Schon als ich heute Morgen mein Bad betrat, verzichtete ich auf die überflutende Deckenbeleuchtung. Damit ich erst gar nicht in Versuchung geriet.

Warum noch mal hatte ich diese fast wandfüllende gläserne Ego-Fläche angeschafft? Weil sie stylish cool rüberkommt und Größe schafft. Zumindest für den Raum. Nicht unbedingt für diejenige, die hineinsieht.

Der Akku meiner Elektrischen ist leer und ich schaufle mir kaltes Wasser ins Gesicht. In der Hoffnung, den schlechten Traum von letzter Nacht einfach abzuwaschen. Selbst beim Aufwachen hatte ich noch an Dorian Gray gedacht. Nein, nicht an Christian Grey. Und in dem Traum war ich auch kein sexy Aschenputtel, das seinen Sadomaso-Helden von der wahren Liebe überzeugen möchte. In meinem Traum hatte ich in einer verstaubten Dachkammer ein mannshohes Ölbild gemalt. Der Versuch eines Selbstporträts. Und Dorian Gray, bloß ein dunkler, männlicher Umriss, hatte es ausgelacht.

Nun, zum einen habe ich mein letztes Ölbild 1991 gemalt – DIN A5 groß mit einem winzigen Gartenzwerg im Mittelpunkt – zum anderen habe ich das letzte Wochenende keine männliche Bekanntschaft gemacht. Schon gar nicht namens Dorian.

Noch in Gedanken gehe ich ins Schlafzimmer zurück, um das Bett zu machen. Mein Blick fällt beiläufig auf das Regal mit meinen liebsten Buchklassikern. Sozusagen mein selbst bestimmtes literarisches Best Of. Und da steht es. Unscheinbar neben „Die Zeitmaschine“ und „Caspar Hauser“: Das Bildnis des Dorian Gray.

Den Titel des Buches kennen vermutlich die meisten. Worum es im Wesentlichen geht, einige. Ich schüttel Decke und Kissen auf und überlege, warum ich nach all der Zeit, seit ich das Buch gelesen habe, ausgerechnet jetzt von Dorian träume. Ein Typ, der seine Seele wegen seines eigenen Porträts verpfändet und mit dem es hernach mehr als steil bergab geht.

Wer Oscar Wildes einzigen Roman nicht gelesen hat, kennt dafür vermutlich eine der zahlreichen Verfilmungen, Ballett-, Opern- oder Theaterfassungen, eventuell eine Hörspielversion oder am ende gar eine der zurzeit sieben Comicadaptionen. Der Stoff des Buches hat es eindeutig in sich. Heute wie vor gut 126 Jahren. Nur was bedeutet er für mich?

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Zimmer mit Aussicht - Ein Selbstversuch

Das Telefon klingelt. Das Festnetz. Ganz old school.

Nette Tonfolge, denke ich. Lange nicht mehr gehört. Dann lasse ich die Töne durch mich hindurch, lasse sie los, benenne sie mit „Töne, Töne“ wenn sie wieder zurück in mein Bewusstsein treten … sprich: Eigentlich fühle ich mich gezwungen, abzuheben.

Ganz gegen die Empfehlung meines Meditationsmeisters, der mir gerade via IPod ein besseres Lebensgefühl vermitteln will, mich lehren, im Hier und Jetzt zu leben, nur für den Moment zu sein, ohne Fremdbestimmung von außen …

Gut. Aber hier und jetzt klingelt das Telefon.

Könnte was Wichtiges sein.

Während ich noch versuche, mich ästhetisch schwungvoll aus dem Schneidersitz zu erheben, verstummt die nette Tonfolge. Hier und jetzt habe ich den Anruf verpasst.

Meine Füße sind eingeschlafen und die Rufnummer ist unterdrückt. Rückruf unmöglich.

Ich tippele auf der Stelle, um meine Füße wiederzubeleben. Es folgt weder eine Benachrichtigung meiner Sprachbox, noch eine SMS, WhatsApp oder die weniger hübsche Tonfolge meines Smartphones. Also kann es nichts Wichtiges gewesen sein – oder?

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Alice und ich - oder einmal Wunderland und zurück

Zuallererst:

In diesem Blog geht es nicht um mein neues Projekt Märchen & Meditation wie zuletzt angekündigt.

Mehr als sieben Monate sind seitdem vergangen. Und auch wenn ich diese Zahl rückblickend sehr bezeichnend finde (immerhin wollte ich mit euch und Zwergen durch Täler wandern, um uns mit Riesen auf Gipfel zu schwingen …), entschuldige ich mich für die lange Zeit des Schweigens.

Es hätten ja auch bloß sieben Wochen oder sieben Tage sein können.

Immerhin habe ich in den letzten Monaten meiner Angstwolke dabei zugesehen, wie sie immer kleiner wird und fröhlich, wie eine Sternschnuppe über den Himmel zieht

(wie angekündigt; wenn auch allein statt mit euch zusammen). Aber nun bin ich bereit, euch an den daraus entstandenen Geschichten teilhaben zu lassen.

Wann mir das klar wurde? Dieser Blog handelt davon …

Ihr kennt das vielleicht. Ihr steht vor einem Bücherregal (zu Hause, in einer Bibliothek oder in einer Bücherei), um ein bestimmtes Buch in die Finger zu bekommen. Und dann fällt euch ein ganz anderes ins Auge. Vielleicht ist der Einband bunter. Oder besonders alt. Oder besonders dick.

Ihr greift zu. Und wie ihr es so in den Händen haltet, nehmt ihr den Titel erst so richtig war.

In meinem Fall war es „Alice im Wunderland“. ...

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Von einer die auszog ... und wieder zurückkehrte

Gleich vorweg:

Ich habe nicht das Fürchten gelernt, wie es im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm geschrieben steht.

Während der junge Mann im Märchen sich nicht fürchten kann und daher nicht versteht, was Furcht bedeutet, weiß ich das nur zu gut. Und damit meine ich nicht den Bammel vor der zu groß geratenen Spinne, die vor dem nasskalten Wetter der letzten Tage in meine Wohnung flüchtete und sich gerade in die Ecke meines Büros kuschelt.

Ich meine die Angst vor Veränderung. Das Bangen, vor dem nächsten großen Schritt. Den kurzen Moment gefühlter Lähmung, bevor wir wieder ein Stückchen über uns selbst hinauswachsen.

Der Vater im Märchen macht sich um seinen Sohn Sorgen, da er es für eine wichtige Lebensgrundlage hält zu wissen, was Angst ist.

Ich halte es mit der Angst genauso. Mit ihr ließ ich alles zurück und wagte den großen Schritt in den hohen Norden. Und jetzt nehme ich sie, zusammen mit einem riesigen Schatz wundervoller Erfahrungen, wieder mit zurück.

Denn mit der gewissen Portion Bammel machen wir alles viel bewusster.

Zum Beispiel sich mit einer Profikamera in eine hundert Mann starke Hochzeitsgesellschaft stürzen und lächelnd Befehle erteilen wie: „Rück mal näher an deinen Schatz, sooo, genau … und jetzt alle Mann Köpfe zusammen uuuund … CHEESE!!!“

So erfuhr ich jede Menge über die Hochzeitsfotografie ...

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Vom Glück der Vielfalt

Manchmal vergessen wir es. Unser größtes Glück.

Zum Beispiel, wenn wir jemand anderen unbedingt gefallen wollen. Weil er doch genau dieses Lächeln besitzt, das uns um den Verstand bringt. Weil unsere Hormone hüpfen, wenn er den Raum betritt. Und es überall, aber vor allem in unserem Bauch so herrlich kribbelt, wenn er uns nur flüchtig berührt.

Nur er bemerkt von all dem gar nichts. Weil wir nicht die sind, die seine Sinne zum Kribbeln bringt. Oder vielleicht doch? Irgendwann?

Wenn ja, dann ist es genau die Geschichte, die ich erzählt bekommen möchte (vor allem, wenn sie für einen von euch in einem weißen Kleid endet)! Wenn nein, dann gibt es da diese beruhigende Gewissheit der Vielfalt.

Diese immerwährende Fülle verschiedener Arten und Formen, in denen sich wiederum immer wieder Neues manifestiert.

Mit anderen Worten: Was dem einen nicht gefällt …

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"Und wie sieht MEIN Märchen aus?"

Berechtigte Frage.

Die ich heute nicht zum ersten Mal gestellt bekam.

Und selbstverständlich weiß ich, dass es im Grunde darum geht, wie viel bedrucktes Papier ihr erhaltet und wie meine Worte darauf klingen werden.

Aber es gibt nur eine Antwort:

„Alles hängt von eurer Geschichte ab.“

Auf diese Entgegnung ernte ich in der Regel Schweigen. Aus gutem Grund. Denn für die meisten ist ihr besonderer Moment mit einem Satz abgetan. Doch ich weiß auch, dass sich dahinter ein ganzer Roman verstecken kann. Und so fordere ich als Nächstes auf, mir zu erzählen, an welche Gefühle, Gerüche, Geräusche ihr euch noch erinnern könnt.

In diesem Augenblick geschieht das Wundervolle: Ihr taucht in eure Geschichte ein.

Ein Pärchen zum Beispiel sitzt wieder bei seinem ersten Date im Kino. An den Filmtitel kann er sich noch erinnern. Aber nicht, um was es in dem Film eigentlich geht. Dafür weiß er aber noch genau, wie weich sich ihre Hand anfühlt. Und dass er sie auch im Badezimmer nicht loslässt, als das ranzige Popcorn wieder nach oben drängt …

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"Jetzt malt sie auch noch!"

Tatsächlich male ich schon viel länger, als dass ich schreibe.

Still vor mich hinzumalen, während der Regen gegen die Scheiben prasselt und meine Mutter ein Schnitzel in der Pfanne brutzeln lässt, sind meine frühesten Erinnerungen daran, etwas für mich zu zaubern.

Dieses Kribbeln, wenn ich dem weißen Blatt Papier ein Geheimnis entlocke, den Kreidestift dazu bringe, den

fantastischen Welten meines Kopfes Gestalt zu geben … Ganz so wie beim Schreiben (aber das erkannte ich erst viele Jahre später).

Als Erstes erkannte ich, dass ich Menschen, ihre Gesichter, ganz anders betrachtete und malte, wie meine Altersgenossen. Es passierte im Religionsunterricht der fünften Klasse. Wir sollten zu einer Geschichte aus der Bibel ein Bild malen. Ich entschied mich für Jesus und seine Jünger (also sehr viele Menschen) während andere spitze Berge und brennende Büsche bevorzugten. Für Mut und Ausführung erntete ich von allen Seiten Lob. Immerhin hatte ich Jesus und seinen Anhängern realistische Augen und Nasen verpasst (und nicht nur Kurven im Profil).

Angespornt von soviel Anerkennung, entdeckte ich mein Faible für Portraits. Und ich malte sie ...

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Warum der Jacob warten musste ...

Eine gute Idee will reifen. Wie ein gutes Buch.

Mitte Juli 2015 begann ich mit dem Skript zu „Der kopflose Jacob“ und schickte Silvia Franz auf ihre erste heimatliche Mission.

Es war der 24. Dezember, ich hatte etwa die Hälfte ihres Abenteuers auf Papier festgehalten und überprüfte gerade den Reifegrad, als plötzlich eine Idee auf meinen Notizblock hüpfte. Mit einem frechen Grinsen machte sie sich breit und tanzte vor meiner Nase herum. Natürlich machte sie gemeinsame Sache mit einem Mann.

Dass sie aber schneller reifte und mehr Platz einnahm, als die nächsten zehn Seiten meines „Jacobs“, hat nur einer geahnt: natürlich, der Mann!

Und so gelangte ich in den Norden, hin zu meinem Leuchtturm und direkt weiter zur nächsten Idee:

Anders schreiben, für andere schreiben,

Deine Geschichte für Dich aufschreiben.

Und so reifte die neue Idee von "persönlichen Kurzgeschichten im Einmachglas", hin zu Märchen für euch, Lesungen mit euch und Meditationen für uns alle. Und das heißt: ...

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Leuchtturm gefunden!

Der 20. August 2012 ... ich schreibe von einem Leuchtturm, den ich gar nicht kenne. Von einem jungen Mann, der sich in das Ölgemälde von eben diesem Turm verliebt. Der dieser Liebe nicht nachgibt, geizt, leidet und irgendwann nach einem echten Leuchtturm sucht. Er findet ihn zwar, verliert sich aber in ihm. Für ihn führt kein Weg mehr hinaus. Das Innere des Turms ist leer. Und der junge Mann kann die Leere nicht füllen. Seine Liebe galt bloß einem Gemälde.

Der 31. Mai 2016 ... es kribbelt in meinem Nacken, als ich vor "meinem" Leuchtturm stehe. Sein Weiß und Rot leuchten mir entgegen, als hätten wir beide auf diesen Moment schon lange gewartet. Schweigend betrete ich seine steinernen Stufen ...

 

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