Von Menschen und Steinen - eine Betrachtung zum Jahresende

„Mit achtzehn“, sagte heute Morgen ein Freund zu mir, „wollte ich etwas mit Menschen machen. Mit dreißig fand ich, Steine sind auch schön.“

 

Es war mal wieder Advent, die Zeit, in der sich die Menschen auf Weihnachten vorbereiten wollen. Ein Fest, das an so viel gutes geknüpft ist: Glaube, Liebe, Hoffnung im besten aller Sinne.

Und ein Stein? Ich googele. „Ein Stein ist ein kompaktes Objekt aus Mineral oder Gestein“, sagt Wikipedia. „Große Steine werden auch ‚Felsen‘ oder ‚Felsbrocken‘ genannt.“

 

Morgens. Ein Freitag vor Heilig Abend. Ich stehe brav an der Metzgertheke an. Das kompakte Objekt vor mir fragt nach Wild. Die charmante Bedienung erläutert: Rehgulasch, Rehrücken, Rehkeule, Hirschgulasch, Hirschrücken. Er will Hirschkeule. Dann müsse er das Reh nehmen, sagt die Bedienung. Warum, er wolle doch Hirsch. Dann gäbe es nur Gulasch und Rücken. Er will aber die Keule. Dann also Reh, sagt die Bedienung.

Warum sie das so kompliziert machen müsse. Er wolle doch klar und deutlich die Keule. Wir in der restlichen Reihe stöhnen auf. Die Bedienung erläutert erneut, dafür weniger charmant, was zur Auswahl steht. Doch der Brocken bleibt hart, behauptet felsenfest, dass man ihm hier immer verweigere, was jedem anderen sonst zustünde. Wir alle schenken der Bedienung hinter seinem Rücken mitfühlende Blicke. Ob es nun die Rehkeule sein dürfe, nimmt die Bedienung die Verhandlungen wieder auf. Er winkt mit einer harschen Handbewegung ab und geht. Da er aber schon das ‚Guten Tagvergessen hatte, spart er sich auch das ‚Auf Wiedersehen‘. Von ‚schönen Feiertagenkeine Spur.

„Frohe Weihnachten“ wünscht einer aus unserer Reihe. Ein Tropfen auf den eh schon überhitzten Stein …

 

‚Mancher Stein wird nach einer Kuh geworfen, der schätzbarer ist als die Kuh‘. (Redensart)

 

Ich rücke brav einen Schritt vor, …

… ignoriere die folgende Diskussion der zwei kompakten Objekte hinter mir und fasse an den Stein meiner Kette. Er ist im Durchmesser etwa halb so groß wie mein Daumen und seine Fläche nach außen gewölbt wie eine süße Donut-Hälfte. Zwischen meinen Fingern fühlt er sich glatt, weich und warm an. Seine dunkelrosa Farbe strahlt. Er sieht aus, als dufte er nach Rose. Die schwarzen Einschüsse funkeln geheimnisvoll.

 

Im Unterschied zum Fels“, sagt Wikipedia, „haben Steine keinen festen Kontakt mehr zu der Gesteinseinheit, der sie ursprünglich angehört haben, unabhängig davon, ob sie noch am originalen Platz stehen oder nicht.“

 

Mittags. Noch immer ein Freitag vor Heilig Abend. Ich reihe mich brav in die Schlange der Wartenden. Der allgemeine Ton in der Apotheke ist rau. Ich fühle eine der Jahreszeit entsprechende Kälte trotz der stickigen Wärme um uns herum. Die allerwenigsten duften, wenn überhaupt, nach Rose und keiner strahlt auch nur im Mindesten. Dennoch, es gibt Geschenke. Die Kundentreue wird zum Jahresende mit einer Handcreme belohnt. Zitrone-Lemongrass oder Birke-Arnika, fragt der Apotheker. Die Kundin vor mir ist ob der Auswahl sichtlich irritiert. Die anderen Kunden hätten Rose-Hibiskus erhalten. Die ist leider aus, gesteht der Apotheker und

zählt die beiden übrigen Möglichkeiten etwas zackiger auf. Wir erinnern uns: Die Handcreme ist ein Geschenk für Kundentreue. Sie fände das mehr als unverschämt, intoniert die zukünftig Beschenkte. Sie sei schließlich hoch allergisch gegen Zitrusfrüchte. Und alle anderen bekamen Rose. Sie hätte ja schließlich wie sonst auch, die Apotheke in der Stadt aufsuchen können. Dann also Birke-Arnika, sagt der Apotheker und schiebt über die Theke ein 10ml Tübchen mit einem etwas lädierten goldenen Sternchen darauf. Ob er sie absichtlich verärgern wolle, fragt die Kundin. Dann folgt ein Monolog über Pollen- sowie über hochgefährliche Kreuzallergien. Die weiß gekleideten Damen an den beiden anderen Kassen haben es auch nicht leichter. Eines der Rezepte ist abgelaufen, bei der anderen geht es schlicht um die kostengünstigere Version eines Medikaments, das, im Gegensatz zur teuren Originalversion, nicht mehr vorrätig ist. Der Apotheker kann also nicht auf Schützenhilfe hoffen. Die Türglocke bimmelt unerbittlich, die Ladenkapazität ist längst überschritten. „Das kann ja einen Stein erbarmen“, ruft ein gebeugter, älterer Herr, der kaum noch stehen kann. Damit kommt der Stein ins Rollen. In den nächsten fünf Minuten gibt jeder der Anwesenden seine weniger besinnlichen Gedanken öffentlich preis. Der Apotheker entscheidet sich, das Ärgernis zu ignorieren. Der Nächste bitte, sagt er laut. Als ich endlich an der Reihe bin, ist auch Zitrone-Lemongrass aus.

 

Zwei kalte Steine, die sich reiben, fangen auch Feuer‘. (Redensart)

 

Ich klammere mich an den Stein an meiner Kette. …

Es ist ein Rhodonit. Unter den Mineralsteinen einer der wichtigsten Heilsteine, sagte mir die nette Dame auf dem Weihnachtsmarkt. Er würde mir bei Verletzungen körperlicher als auch seelischer Art helfen. Ärger, Groll, Angst und Panik könne er problemlos auflösen. Ganz nebenbei würde er auch noch dazu beitragen, alte emotionale Wunden zu heilen. Gekauft, hatte ich gesagt, ohne lang zu überlegen. Erst jetzt, in der Apotheke fällt mir auf, dass ich gar nicht gefragt habe, wie ich den Stein aktivieren kann.

 

Die Geologie und Petrologie (Lehre der Gesteine) verwendet präzise Begrifflichkeiten, sagt Wikipedia. Es gibt Schutt und Geröll, Kies und Sand, Silt oder Schluff. Wie unter den Menschen gibt es auch hier besondere Formen. Zum Beispiel der Lesestein, die Geröllhalde, die Blockhalde, das Geschiebe, der Findling sowie Schmucksteine, Erbsensteine oder eine Geode. Ein Stein, der sich in Hohlräumen bildet. Ist er in den Hohlräumen mit Kristallen bestückt, darf man ihn Druse nennen.

 

Nachmittag. Weiterhin ein Freitag vor Heilig Abend. Ich schaffe es gerade noch zu meiner Friseurin. Sie hat länger auf als gedacht. Ich möchte für das nächste Jahr einen Termin vereinbaren. Kein Problem. Wenn sich nicht eine Druse vor mich drängeln würde. Sie wolle nur schnell ihren Termin verschieben, den am ersten Tag zwischen den Jahren. Auf welchen Tag genau im neuen Jahr, fragt meine Friseurin höflich. Nein, am selben Tag will sie verschieben. Das tut mir leid, sagt meine Friseurin, an allen drei Tagen sind wir voll ausgebucht. Sie will, erwidert die Druse, ja auch nur die Zeit verschieben. Sie bekäme Besuch und ihr Termin läge denkbar ungünstig. Verständnis auf der Gegenseite. Aber an dem Tag wäre nichts mehr frei. Ja, aber, die Druse will doch nur verschieben. Ob man ihr nicht zuhören wolle, oder sie absichtlich nicht verstehen mag. Ein Nein zu beidem, ringt sich meine Friseurin ab, ohne den Blick der Druse zu erwidern, aber zum Verschieben benötigt der Terminplan eine freie Spalte. Und da gibt es keine mehr? Nein, da gibt es keine mehr. Das, echauffiert sich die Druse, sei äußerst ungünstig. Aber das haben alle im Laden längst verstanden. Trotz drei Haartrocknern auf höchster Gebläsestufe. Meine Friseurin entgegnet nichts. Hat mich eh gewundert, legt die Druse nach, dass sie an diesen Tagen überhaupt geöffnet haben. Und geht, wie sie gekommen ist: ohne Gruß zum baldigen Fest. Und ob ihr Termin dann doch stattfinden würde, erschloss sich mir nicht.

 

Wer nach jedem bellenden Hund werfen will, muss viele Steine auflesen‘. (Redensart)

 

Ich dagegen bekomme meinen Termin. In der ersten Januarwoche. Glücklich reibe ich den Rhodonit zwischen meinen Fingern. Ich habe in der Zwischenzeit völlig entspannt mithilfe meines Smartphones weitere Informationen gesammelt. Mein Steinchen kann sogar bei Streit zwischen Menschen zu gegenseitigem Verständnis und Versöhnung beitragen. So könnte ich, laut Internet, auch verzeihen lernen.

Gut, ich verstehe, …

… wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die Adventszeit war nicht

immer fröhlich. Und ich über die kommende Weihnachtszeit nur in Teilen froh. Vermutlich

habe ich mich am Ende des Jahres auch nicht immer von meiner guten Seite gezeigt. Trotz allerbester Vorsätze. Ehrlich gesagt wäre ich froh, zwischen den Jahren weit fort und vor allem allein zu sein …

 

Gestein gibt es nicht nur auf der Erde‘, sagt Wikipedia, ‚sondern auch auf dem Mond, den drei terrestrischen Planeten und den meisten Asteroiden. Vom Mond wurden schon Steine auf die Erde gebracht‘. … ‚Im weitesten Sinne sind alle Himmelskörper, die keinerlei eigene Tektonik aufweisen, Steine. Außer der Erde.

 

Spät abends. Derselbe Freitag vor Heilig Abend. Ich nehme meine Kette ab und bette den Rhodinit vorsichtig

auf ein freies Seifenschälchen. Ich glaube, in diesem Moment den sofortigen Beistand zu verlieren, den der Stein bei emotionalen oder körperlichen Traumatisierungen leisten kann. Zwangsläufig muss ich an den bevorstehenden Jahreswechsel denken. Ich zücke noch mal mein Smartphone. Der kleine Donut könne mir den Umgang mit den Herausforderungen des Lebens erleichtern. Dank seiner Unterstützung würde ich extremen Situationen mit Gelassenheit und Optimismus begegnen. Ich denke kurz nach. Definitiv werde ich mir noch weitere und vor allem viel größere Steine zulegen.

 

Wer einen Stein über sich wirft, dem fällt er leicht auf den Kopf‘. (Redensart)

 

Ich schalte das Licht aus und gehe zu Bett. Der wohlverdiente Schlaf lässt auf sich warten. Ich bin zu

aufgewühlt, träume unruhig von einem steinharten Rehrücken, der, eingelegt in Zitrone-Lemongrass, erst nach Weihnachten gar ist, wenn mein Besuch gerade beschließt, abzureisen. Ich schrecke auf.

An dem beschaulichen Dezembertag, lange vor Weihnachten, als ich den Schmuckstein bei der netten

Marktfrau erstand, habe ich mein Geld selbstredend in einen passenden Aufhänger investiert. Sicher ist sicher, denke ich, schwinge die Beine aus dem Bett und gehe zurück ins Bad. Das silberne Om-Zeichen, das durch die Mitte des Steins lugt, funkelt im Schein des Lichts. Wenn die Wirkung des Steins im rechten Moment versagt, überlege ich mir, hilft vielleicht das erhabenste Symbol der hinduistischen Metaphysik entsprechend nach. Aber das verlangt nach einer weiteren Recherche …

 

Apropos: Dieser Blog wurde ursprünglich von einem Stück Holz inspiriert. Besser gesagt basierte die Grundidee

auf einem Holzscheit, der einige Zeit später Pinocchio getauft wurde. Aber da die freche Marionette im Verlauf

des Buches im Gegensatz zu den meisten Steinen einen Reifungsprozess erfährt und sich im Laufe der Geschichte zu einem richtigen Menschen entwickelt, habe ich beschlossen, ihr einen eigenen Blog zu widmen. Also, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Denn ‚wer einen Stein nicht heben kann, der muss ihn wälzen‘. (Redensart)

In diesem Sinne …

Guten Start ins neue Jahr!

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Der erwähnte Freund ist mittlerweile über fünfzig und arbeitet mit (und am) Menschen in der Gesundheitsbranche. Immer noch.

 

PPS: Danke an Wokandapix, Bru-nO, Alexas_Fotos und ponce_photography von Pixabay für die schönen Fotos!