Bis zur letzten Rolle Klopapier

Samstagmorgen. Im Supermarkt. Gang vorne links, Reihe Konserven und Hygienetücher. Ich stelle meinen Fuß auf die halb abgeräumte Europalette und strecke meine Hand nach dem Klopapier. Doppelpackung. Sonderangebot. Meine Finger umschließen eine Trageschlinge, als die brüchige Stimme deutlich zu mir spricht: „Lieber nicht! Wer weiß, ob ich die letzte Rolle noch erlebe.“

Ich lasse los. Und entdecke, mit dem Rücken zu mir, eine Dame mit grauer Dauerwelle. Sie streckt das Händchen gegen die Schulter ihrer männlichen

Begleitung. Fort von der Europalette Hygienetücher. „Mutti“, sagt der bullige Kerl im Brustton seiner vollsten Überzeugung, „du wirst uns alle überleben. Selbst die Jumbopackung Klopapier.“ Und greift sich eine neben mir.

 

Ich dagegen zögere. Bereits das zweite Mal in einer Woche, dass der verhüllte Tod so unverblümt an meinem Alltag kratzt. Vor zwei Tagen erst. Als ich im Rosenblütenmeersalzbad in meiner Wanne lag.

Das Martinshorn stieß mit Hi-Hä in unsere Straße und ich mit dem Fußzeh ans Wannenventil. Ich entschloss

mich, auszusteigen. Aus der Wanne. Und nachzusehen, ob eine Feuerwalze bereits auf meine Haustür übergriff.

Nichts davon sehe ich durchs Fenster.

 

Polizei und Sanitäter bereiten dem Leichenwagen seinen Weg. Ich schlinge das Badetuch um meine Schultern und rubble mit dem Frottee über mein Gesicht. Es ändert nichts. Der Nachbar wird in einem Sarg aus seinem Haus getragen. Zwei Tage zu spät, wie ich im Nachhinein erfahre. Und die Frage schwirrt durch meinen Kopf: was bleibt von ihm, was bleibt von mir? Eine halbe Jumbopackung Klopapier?

 

Ich hoffe, was bleibt, ist ein wenig individueller. Angetrieben von dem, was das Leben ist und was ich davon auf Papier festhalte. Eine Packung perforierter Rollen bringt mich dazu, das ‚Wohin-damit‘ zu überdenken.

Und es tut immer gut, mit Abstand, sich durch die Augen anderer zu sehen.

 

Ich fahre den Laptop hoch. Mit einem zackigen Doppelklick öffne ich das Mailpostfach. Die ersten einhundertundfünfundsechzig Eingangszeilen sind fett gedruckt. Exakt die Menge 4-lagiges auf einer Rolle. Ungeöffnete Fragen. Lebendiges Interesse. Verständnislücken, die beseitigt werden wollen.

Meine Finger fliegen über die Tastatur. Neue Lebensenergie pur. Eine Welt, die sich Blatt für Blatt schneller dreht, als wär´s ´ne Rolle Klopapier.

 

„Hätte nie von dir gedacht“, schreibt K.H.Wern, „dass du sowas machst (und meint damit das Schreiben). Du siehst so esoterisch aus. Seit wann machst du das?“

Ui, ich breche eine Lanze für alle Esoteriker. Ich bin überzeugt, die können alle schreiben. Manche haben sogar veröffentlicht.

Ich selbst stehe auf Räucherungen und Vollmondnächte. Und schreibe. Seit ich kurz vor meinem Abi ein Buch über ‚Schreibkunst‘ in meine Finger bekam. Seither habe ich darüber (gefühlt) alles gelesen, besuchte eine Schreibwerkstatt, einen Literaturkreis und

erkannte nach zwei Veröffentlichungen im Selbstverlag, dass ich als Autorin arbeiten will, kann, muss. Für die Erkenntnis brauchte ich neunhundertundzwanzig Rollen Toilettenpapier. Wenn die Studie des Industrieverbands für Körperpflege und Waschmittel stimmt, dass jeder Deutsche pro Jahr im Schnitt sechsundvierzig Rollen verbraucht. Meine Selbstfindung war´s mir wert.

 

„Wie lange brauchst du“, fragt re.palau, „für ein Buch?“

 

Lang. Ausgehend von dem, was ich in den Gesichtern anderer lese, wenn ich ihnen diese Frage beantworte. Monate sind utopisch. Einen Roman in einem Jahr soll´s geben. Habe noch keinen getroffen, der´s bestätigen kann. Die, die ich kenne – und ich schließe mich mit ein – brauchen Jahre. Immerhin müssen wir zwischendrin Brötchen besorgen. Für unsere (vorerst) brotlose Kunst. Für meine Kurzgeschichtensammlung sammelte ich drei Jahre. Für meinen ersten Roman fünf.

Nun schreibe ich im vierten Jahr an meinem Krimi. Der Lösung entgegen …

Nun, perforiertes Toilettenpapier auf Rollen, wie wir es heute kennen, hat auch über zwölfhundert Jahre Entwicklung gebraucht.

 

„Wahnsinnig toll“, schreibt HasseT, „dass du so konsequent bist (und meint die Lebenszeit, die ich ins Schreiben investiere)! Melde dich, wenn du Zeit für einen Kaffee hast! Dann könnten wir ausführlich reden …“

 

Danke. Auf meine Selbstdisziplin bin ich sogar selbst ein wenig stolz. Für einen Kaffee ist immer Zeit. Der braucht, ausgespuckt über meine Pad-Maschine, inklusive Genuss, vielleicht zehn Minuten. Für das Gesamtpaket inklusive An- und Abfahrt, Klönen und Absacken obenauf, macht das mindestens einen halben Tag … lieber HasseT, mein Ziel, das fertig überarbeitete Manuskript ist zum Greifen nah. Vielleicht treffen wir uns zufällig. An der Europalette im Supermarkt.

 

„Ich wollte schon immer mal Schreiben“, schreibt Förg.Di., „Wo lernt man das?“

In der Schule. Meistens.

Und du liebe Förg.Di beherrschst dein Metier offensichtlich schon.

Sprichst du aber davon, als Autorin deine eigenen Figuren zu konzipieren, einen Roman und dessen Welt zu erschaffen, in die sich deine Leser mit Freude hineinversetzen … dann sollte dir klar sein, WAS du schreiben möchtest (Genre).

Viele Sachbücher erläutern dir Techniken und geben dir Werkzeuge an die Hand. Schreiben musst DU! ZEIT nehmen, dich STILL hinsetzen, alles ausblenden … wie neben einer Rolle Klopapier sitzen. Nur viiieeel länger!

Die Zeit selbst gestaltet sich jeder individuell. Laut Wikipedia falten fast 67 Prozent der Deutschen das Papier, etwa 7 Prozent knüllen und wickeln um die Hand, fast 5 Prozent legen einzelne Blätter aufeinander, etwa 8 Prozent entscheiden spontan und fast 5 Prozent ist dies vollkommen egal. Autoren durchleben zwangsläufig Phasen aller Variationen. Auf gutes Gelingen liebe Förg.Di!

 

„Ich habe auch was geschrieben“, lässt mich roth2404 wissen. „Liest du mal drüber (und meint sein vierhundertundvierunddreißig Seiten Manuskript). Deine Meinung würde mich echt interessieren …“

 

MAL drüber lesen? Über vierhundert Seiten?

Damit ein Schreibkollege/in etwas von meiner Meinung hat, muss ich Seite für Seite sehr aufmerksam lesen. Nicht zu vergleichen mit einem Lesevergnügen am Strand, wenn der Cocktail kühl serviert wird und fachmännische Hände währenddessen den Rücken mit Sonnenmilch eincremen. Meine Augen würden sich von allein dazu berufen fühlen, gleichzeitig Korrektur zu lesen.

Lieber roth2404, so etwas habe ich bereits gemacht. Das ist, als würdest du erst wieder aus dem Bad dürfen, wenn du die Perforierung an beiden Seiten jedes Blattes aller achtzig Rollensorten Deutschlands zählst, beschriftest und mit deinem Namen versiehst. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich das ‚nebenher‘ leider nicht mehr schaffe … sorry!

 

Heute schaffe ich tatsächlich gar nichts mehr. Nach siebenundachtzig Mails sind meine Augen müde. Selbst der Kaffee hilft nicht. Bleibt Zeit für den kleinen Hinweis, dass die hier wiedergegebenen Fragen einen Teil der

Zuschriften repräsentieren, die mich über meine Webseite erreichen (und viel zu lang auf Antwort warten). Alle werden ernst genommen. Im rechtlichen Sinn: Jede Zuschrift (egal über welchen Kanal) wird Teil meiner Korrespondenz. Meint, sie wird gespeichert. Um das zu vermeiden: Nicht schreiben (was schade wäre, weil wir

viel voneinander lernen). Die Nicknamen wurden von den Trägern freiwillig angegeben und zur Sicherheit gekürzt. Ich bedanke mich für eure Motivation! Euer Interesse ist Lebensenergie pur.

 

Samstagmorgen. Wieder im Supermarkt. Gang vorne links, Reihe Konserven und Hygienetücher. Ich stelle meinen Fuß auf die frisch aufgefüllte Europalette und strecke meine Hand nach dem Klopapier. Einfachpackung. Reguläres Angebot. Ich nehme zwei. Hochmotiviert und voller Zuversicht. Das Leben fängt erst an. Jeden

Tag neu. Und die Autorin braucht Ideen …

In diesem Sinne …

bis zur letzten Rolle Klopapier!

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PPS: Danke an guvo59, rawpixel und Engin_Akyurt von Pixabay für die schönen Fotos!