Fifty Shades of Jacob - oder: Wie sexy kann Alltag schon sein?

Montagmorgen. Ich sitze vor Seite 147 meines unvollendeten Romans. Es ist an der Zeit, die erste Rohfassung zu überarbeiten. Und ich denke an Sex. Erotik zwischen meinen zwei Hauptprotagonisten.

Ich frage mich: Wie sexy sollte ein Roman sein? Oder besser: Wie viel Sex verträgt mein Jacob?

Gleich vornweg: Ich habe die Fifty-Shades-of-Grey-Romane nicht gelesen. Aus diesem Grund kann und möchte ich mir kein Urteil erlauben. Nur, mittlerweile dürfte sich der Inhalt grob verbreitet und seine popkulturellen Auswirkungen wohl bekannt sein. Und für mich als Autorin ist der Erfolg der Schreiberin Anlass genug, zweimal hinzusehen.

Auf den ersten Blick hat es E. L. James geschafft. Sie hat drei Romane fertiggestellt, wurde veröffentlicht

und hat literarische Aufmerksamkeit erlangt (wie wir wissen, gibt es keine schlechte Presse). Als i-Tüpfelchen wurden ihre Bücher verfilmt. Ich behaupte einfach Mal: der feuchte Traum eines jeden Autors.

Aber lag das nun rein am – zugegeben recht speziellen – Sex?

Ich schreibe schließlich einen Krimi heimatlicher Couleur mit humorvollen Seitenhieben auf die menschliche

Natur. Braucht´s da eine ordentliche Portion Sex, zweideutige Ausdrücke und deftige Anzüglichkeiten?

Schau ich da auf das Regal mit meinen Lieblingsklassikern (Rebecca, Das Phantom der Oper, Zimmer mit Aussicht …) hauen die zarten Andeutungen unterschwelliger Begierde heute niemand mehr vom Hocker. Auch mich nicht. Zum Glück wurden die alle lange vor Fifty Shades verfilmt.

Doch ich schreibe heute im Jetzt. Und meine Silvia kommt diesem Mann auf dem Papier vor mir doch recht

nahe. Es wird wärmer. Ein weinig näher noch. Also heiß. Und sie greift zu.

Aber, wie greifbar soll´s werden?

Auch wenn ich keinen erotischen Roman schreibe, so lohnt sich vielleicht dennoch ein zweiter Blick auf die Romantrilogie der britischen Autorin und deren Auswirkungen. Der erste Band führte die Bestsellerlisten

in mehreren Ländern an und hat sich allein in Deutschland über 5,7 Millionen Mal verkauft. Im Vereinigten Königreich war er sogar das schnellste jemals verkaufte Taschenbuch. Noch vor Harry Potter.

Da macht´s James bestimmt nichts mehr aus, dass Kritiker ihre Romanreihe meist negativ rezensieren. Unter anderem mit den Begriffen „Mommy porn – Fantasieexzesse von Frauen für Frauen geschrieben“, „Kitsch“ und „Arztroman ohne Doktor“. Die BDSM-Szene fühlt sich falsch wiedergegeben, Psychologen und andere Erotikautoren sprechen von Wiedergabe häuslicher Gewalt, psychisch als auch physisch. Die Negativliste nimmt kein Ende. Doch wir erinnern uns: Es gibt keine schlechte Presse.

Das „Ding läuft“, erfreut sich größter Beliebtheit und durchkreuzt immer wieder unseren Alltag. Wie der

Gedanke an Sex. Und wenn man nicht selbst dran denkt, bringt ein anderer bestimmt das Thema auf den Tisch. Wie erst letzte Woche geschehen.

Meine Freundin erzählte mir stolz, dass sie ihren Lebensgefährten in ihrem Sinne ausgetrickst hätte.

Er müsse nun doch mit in den dritten Teil von Shades of Grey. Deal sei Deal. Immerhin hatte er sie erweicht, ihn zur neuesten Star-Wars-Episode zu

begleiten. Und dafür hätte sie, wie sie allerdings zu spät festgestellt habe, auf die aktuelle Helene-Fischer-Show verzichten müssen. Auf den ersten Blick

eine Katastrophe. Im Nachhinein aber beste Voraussetzung, für die Fity-Shades-Verhandlungen. Und die Helene-Fischer-Show zeichnete letztendlich

ihre Schwester für sie auf. Und, deutet sie schmunzelnd an, der Kinogang in einen mehr oder weniger erotischen 106min-Film hätte sich natürlich auf den restlichen Abend entsprechend positiv ausgewirkt.

Ich bescheinige meiner Freundin Sieg auf ganzer Linie.

Und muss an Sex denken. Den auf meiner Seite 147.

Dunkel erinnere ich mich an meine Schulzeit, Sigmund Freud und die Theorie angeborener Grundbedürfnisse. Primärtriebe wie das Bedürfnis nach Nahrung, Wasser, Sauerstoff, Ruhe, Entspannung und Sex.

Denken wir tatsächlich sooft an letzteres?

Die Psychologin Terri Fisher von der Ohio State University wollte das ebenfalls wissen. Und nein, Männer denken nicht alle sieben Sekunden, oder je nach Quelle alle sieben Minuten, an Sex.

Nach einer Woche mit 283 Studenten stand fest: Männer dachten im Durchschnitt 34 Mal pro Tag an Sex,

Frauen nur 19 Mal (also minus acht Stunden Schlaf, ungefähr ein Sexgedanke pro halbe Stunde auf Seite der Männer und einen pro Stunde auf Seite der Frauen).

Zum Glück untersuchte Frau Fisher auch die Gedanken an Essen und Schlafen. Und siehe da, manch Individuum dachte häufiger an Essen und Schlafen als an Sex. Ich nehme mich da nicht aus.

Und doch denke ich immer noch an meinen Kopflosen-Jacob-Roman. Wie nah dran am Sex sollte meine Protagonistin Silvia Franz nun sein? Immerhin steckt sie in einer Dreiecksbeziehung mit ihrem Ex, Kaplan in Seligenstadt und dem neuen, Recht schaffenden Oberpolizeibeamten, der hinter ihr aufräumen muss.

Ein Singledilemma. Vor allem für die Autorin.

Denn auch, wenn ich es immer für eine Attitüde hielt, wenn etablierte Autoren davon sprechen, dass sich ihre Protagonisten ab einem gewissen Punkt einfach selbstständig machen würden … es stimmt. Und neben dem Sex gibt´s schließlich auch noch so was bescheidenes wie Liebe …

Umso mehr ich mich mit meinen selbst geschaffenen Figuren befasse, umso besser lerne ich sie kennen.

Vielleicht – und Freud würd´s freuen – sind sie allesamt Manifestationen meines

Unterbewussten (mit Sicherheit aber auch die Kumulation einiger Zeitgenossen, die meinen Alltag auf ihre ganz eigene Art bereichern).

Unterm Strich: Sex ist in Gedanken aller, selbst in den fiktiven.

Und die Frage bleibt: Wie viel Sex erwarten meine Leser? Andeuten, oder zur Sache kommen?

Blauäugig kam ich ganz ohne Absicht der Antwort auf diese Frage sehr viel näher, als ich letzten Samstag in unserem Literaturkreis ein Gedicht vortrug, dass ich anlässlich unserer kommenden Lesung verfasste. Unser Thema: Walpurgisnacht. Mein Titel: Die Hexe.

Der humorvolle Inhalt kreist um eben diese. Sie macht sich chic, fliegt zum Brocken und buhlt um die Vereinigung mit dem Teufel. Sie wird tatsächlich von ihm erwählt. Doch als er zur Sache kommen soll … versagt das männliche Geschlecht. Enttäuscht fliegt die Hexe nach Hause und träumt von den Geistern zu Halloween.

Die Reaktionen auf den, im letzten Drittel vor allem sexuellen Inhalt, fielen unterschiedlich aus. Die männlichen Mitglieder legten mir nahe, den Text noch mal „ruhen zu lassen“ und ihn dann „zu überarbeiten“. Ich denke, es liegt vor allem an der Stelle, an der des Teufels Glied versagt. Die weiblichen Mitglieder zeigten sich hingegen „humorvoll erregt“ und versicherten mir die Freude des weiblichen Publikums.

Ich gebe zu, es hat mir sehr viel Spaß gemacht, auf diese Weise zu unterhalten. Und ich glaube, den Zuhörern

ebenfalls – im Nachhinein auch von männlicher Seite bestätigt.

Und so komme ich zu dem Schluss, dass ich in erster Linie unterhalten möchte. Und wenn ich durch

wohldosierten Sex und Humor, hier und da zum Nachdenken anrege, ein wenig vermitteln, mal über den Tellerrand zuzwinkern, ein wenig vor der Haustür mitfegen und gemeinsam in Spiegel anderer blicken kann ... dann, jawoll, Sex sells.

Aber nicht um jeden Preis. Es müssen nicht die 5,7 Millionen verkaufte Exemplare sein. Und, Himmel nein,

nicht das schnellste jemals verkaufte Taschenbuch (wer stellt nur solche Statistiken auf?).

Natürlich, das Ziel bleibt bestehen, mit dem Schreiben den Lebensunterhalt zu verdienen.

Da nun aber die Mehrheit bereits mehr als genug an die schönste Nebensache der Welt denkt, kann man sein Werk vielleicht um ein paar andere Gedanken bereichern. Um den ans Essen zum Beispiel.

Für Silvia Franz, meiner Protagonistin, sind zum Beispiel Vanillekipferl das, was der Mutter Beimer ihre Spiegeleier. Und wer jetzt schmunzelt und wieder an das Eine denkt … dem gönn ich das von Herzen. Und ich

brauch mir, um den Sex-Factor meines Jacobs keine Gedanken mehr zu machen.

Lächelnd schaue ich auf mein Manuskript. Auf seiner letzten Seite stehen bereits die Notizen für Teil 2 und

3. Und ich finde, da bleibt genügend Raum und Zeit. Selbst für Seite 147.

Die nehme ich mir übrigens erst morgen wieder vor.

Denn am Ende des Tages habe ich mehr über Sex nachgedacht, als ich je für möglich gehalten hätte. Und eines steht fest: Wie weit sich meine Figuren damit befassen wollen, werden sie, wenn

es darauf ankommt, mit Sicherheit selbst entscheiden. Wie im echten Leben eben.

Es ist an der Zeit, auf andere Gedanken zu kommen. Ich speichere mein Dokument, sichere eine Kopie und fahre den Rechner herunter. Auf dem Weg ins Wohnzimmer nehme ich mir aus der Küche ein Butterbrot und zwei gekochte Eier mit. Beides ruht auf meinem Schoß, ich auf der Couch, der Fernseher läuft.

Ich werfe einen Blick in die Fernsehzeitung. Gleich beginnt laut derselben die Wiederholung des gestrigen Tatorts. Der Kieler Kommissar gerät heute noch mal „in große Versuchung“. Laut Redaktion funktioniert die Story um eine Amour fou sehr gut. Sie bewertet das Ganze als Tages-Tipp und schreibt: „Warm anziehen! Sex & Crime bei steifer Brise“.

Ich schaffe es nicht, umzuschalten und sehe auf die Uhr, um zu überprüfen, ob meine Stunde schon rum

ist. Dann lege ich die Füße hoch, beiße resigniert in das erste Ei und denke an

Seite 147.

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Danke an StockSnap, Pexels und DariuszSankowski von Pixabay für die schönen Fotos!