Frankenstein - oder das Monster Einsamkeit

Ich fühle mich einsam.

Mit allen negativen Allianzen, die dieses Gefühl fähig ist zu bilden. Um genau zu sein, seit dem zwanzigsten Dezember.

Statt wegen letzter vorweihnachtlichen Besorgungen mit anderen, zur feiertäglichen Hochform aufgelaufenen Mitmenschen, dicht gedrängt in der Stadt Schlange zu stehen und ihre Wärme zu spüren, schaffte ich es nicht einmal, allein auf meiner Couch eine Minute ohne Zittern aufrecht zu sitzen.

Auf meinem Einkaufszettel standen unter anderem noch Hirschmedaillons, Feldsalat und Süßkartoffel. Aber ich kam aus eigener Kraft nicht mal an den beschissenen Zettel heran, der im Flur am To-do-Brett wie ein Mahnmal hing. Und wenn ich an das Essen dachte ... oder an geselliges Beisammensein … Besuch?

Nein danke!

Ich wurde bereits heimgesucht. Von einer Kehlkopfentzündung.

Mein Geschenk zu Weihnachten: Redeverbot. Die Feiertage waren an Besinnlichkeit kaum zu überbieten.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und während ich schweigend, mit fiebrigen Tagträumen auf meiner Couch dahindämmerte, versuchte ich immer wieder die positiven Aspekte der Einsamkeit mir in Erinnerung zu rufen: Erholung, Gedanken ordnen, Kreativität wiederentdecken.

Und die Stapel unerledigter Zettel (wenn Bewegung wieder möglich) im Altpapier versenken.

Aber was ich entdeckte, waren bloß die verschwurbelten Inhalte kompliziert gefalteter Beipackzettel, die mir im Grunde davon abrieten, die Medizin, die vor mir aufgereiht stand (und noch steht), hinunterzuschlucken. Und die ganzen Blister und Flaschen, die statt Geschenke auf meinem Tisch ruhten und mit ihren hässlichen Umpackungen da einfach nicht hingehörten.

Die Unordnung nervte mich. Die Gefühlsduselei im Fernsehen rieb mich auf. Die rührseligen Lieder im Radio bohrten sich schmerzhaft ins Kleinhirn. Ich schaltete im wahrsten Sinne des Wortes ab. Die Zeit verging, die Uhren tickten vor sich hin.

Bei dem ersten Krankenbesuch meiner Mutter bat ich sie, die Batterien aus ihnen zu entfernen. Jetzt war ich

tatsächlich allein. Mit allen Sinnen.

Doch aus diesem Alleinsein heraus fühlte ich mich mit jedem Tag besser. Dadurch wurde mir aber auch Tag für Tag die Abweichung von der Norm bewusster. Mal ehrlich, krank zu sein passt einfach nicht in unser Weltbild. Es ruiniert die erkämpfte körperliche Form, unser liebevoll gepflegtes Erscheinungsbild und stört unsere wacker aufrecht gehaltene Funktion. Wir funktionieren nicht mehr, wie andere das von uns erwarten. Wie wir uns das von uns vorstellen. Es durchkreuzt unsere Ansprüche an uns selbst, zerstört unsere Routine, unseren gesamten Alltag.

Es waren nur noch wenige Tage bis Silvester und ich fühlte mich dazu berufen, meiner Umwelt wenigstens auf

den letzten Drücker alles Gute zu wünschen. Alleine zu sein – und auch sich so zu fühlen – ist doch schließlich der größte Makel, oder?

Doch bei dem kleinsten Versuch, mich meiner Umwelt mitzuteilen, hörte ich mich an wie Bonnie Tyler zu ihren Bestzeiten. Und während die anderen nebenbei den Koffer für den Skiurlaub packten, Raclette und Bleigießen vorbereiteten oder ihr Partydress für das Highlight des Jahres aus der Reinigung abholten, merkte ich bei aller

Willensanstrengung: Mein Körper war noch nicht bereit für das neue Jahr.

Lautstark stellte sich Husten ein. Jeder Böller am Einunddreißigsten verpuffte dagegen zu einem Rohrkrepierer. Mein Körper verkrampfte, ich schwitzte übermäßig. Am nächsten Tag konnte ich wieder nicht aufstehen. Jede Rippe quälte Entzündungsschmerz, meine verquollenen Augen nässten eitrig, meine Haare klebten fettig an meinem Kopf, die Lippen klein, schrumplig, eingerissen und eins war sicher: Nichts essen zusammen mit Antibiotika quellt um den Bauchnabel herum auf wie zwanzig Kilo Leibesfett.

Ich fühlte mich noch einsamer als zuvor, ausgestoßen, isoliert.

Ich fühlte mich wie ein Monster.

Da kam am Ersten eine vereinzelte Nachfrage über WhatsApp herein. Wie es mir ginge. Ich schrieb

zurück: Fühle mich wie Frankenstein.

Danach wurde Zeit für mich relativ, meine Prioritäten verschoben sich, lösten sich auf, bis nur noch die eine übrig blieb: gesund zu sein, oder besser zu werden. Inklusive des ansehnlichen Äußeren versteht sich.

Bei ihrem zweiten Krankenbesuch brachte meine Mutter neue Medikamente und Hühnersuppe mit. Ich

sollte durchhalten und vor allem loslassen. Krank ist krank. Mein Aussehen sei egal. Ich solle meinem Körper die Ruhe gönnen, die er verlangt. Ich dachte an

Vereinsamung. Und an Frankenstein. Ich bat sie, mir das gleichnamige Buch zu bringen. Ein Taschenbuch, Sonderformat, gerade mal so groß wie mein Smartphone. Aus diesem Grund konnte ich es glücklicherweise selbst halten (die kleinen Dinge des Lebens bekommen durch solch eine Situation wieder viel mehr Wert).

Ich schlug es, für den ersten Eindruck, an einer beliebigen Stelle auf.

Elftes Kapitel. Zweiter Absatz.

„[…] Es war dunkel, als ich erwachte. Ich fror, und ich fürchtete mich instinktiv, weil ich so allein war. Vor dem Verlassen deiner Wohnung hatte ich mich, da ich ein Gefühl von Kälte spürte, mit Kleidungsstücken versehen, aber sie genügen nicht als Schutz vor dem Nachttau. Ich war ein armes, hilfloses, unglückliches Wesen; ich wusste nichts, konnte nichts unterscheiden, aber von allen Seiten drangen Schmerzen auf mich ein, ich setzte mich hin und weinte. […]“

Ich weinte ebenfalls.

In den nächsten zehn Tagen schaffte ich es, immer wieder hie und da ein paar Zeilen zu lesen. Weihnachten

und Silvester waren für mich ausgefallen, wahre Besinnlichkeit hatte sich erst gar nicht eingestellt, dafür war der letzte Rest Lebensfreude auf der Strecke geblieben. Doch immer, wenn das dumpfe Schmerz- und Schwächegefühl seinen Griff lockerte und mich dafür die ganze Wucht der Einsamkeit zu überfallen drohte,

lenkte ich mich mit ein paar Seiten aus Mary Shelleys Roman ab.

Und was soll ich sagen? Ein Buch, das Lesen, die Geschichte … Literatur hilft. Immer.

Frankenstein, ein Klassiker, hat natürlich viel zu sagen. Vordergründig, hintergründig – wie immer man es

dreht und wendet. Doch meine ganze Aufmerksamkeit (soweit vorhanden) galt diesmal nur dem „es“.

Denn Victor Frankenstein, auch wenn man ihn so sehen kann, war gar nicht das benannte Monster. Das Monster, auch mal Unhold genannt, hatte nie einen Namen erhalten. Sein Erschaffer schlampte sogar

dermaßen bei seiner Gestaltung, dass er letztendlich von seiner Schöpfung einfach nur angeekelt war.

 

„[…] Die gelbliche Haut verdeckte nur notdürftig das Spiel der Muskeln und das Pulsieren der Adern. Das

Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß, wie die Perlen. Doch standen solch Vortrefflichkeiten im schaurigsten Kontraste zu den wässrigen Augen, welche nahezu von derselben Farbe schienen wie die schmutzig weißen Höhlen, darin sie gebettet waren, sowie zu dem runzeligen Antlitz und den schwarzen, aller Modellierung entbehrenden Lippen. […]“

 

An dieser Stelle klappte ich das Buch zu und besah mir sein Cover genauer.

Sicher, dass es da nicht um mich ging? War das tatsächlich ein Roman aus dem Jahr 1818?

Ich fühlte mich an diesem Tag von Mary Shelleys Beschreibung selbst als Monster ertappt. Am Abend war ich fix und fertig, froh, allein zu sein und schlief (dank der endlich wirkenden Medikamente) tief und fest.

Die Geschichte Frankensteins begleitete mich bis heute durch meine Krankheitstage und sorgte dafür, dass ich zu meinem kurzfristigen (wenn auch länger als gedachten Leid) immer wieder

genügend Abstand fand.

Das Wesentliche aus der Sicht des Monsters:

Obwohl es Menschen heimlich hilft, geraten die wegen seines Äußeren in Panik, wenn es sich ihnen offenbart. Enttäuscht und wütend macht es sich auf zu seinem Schöpfer und bittet ihn, eine Frau, genauso hässlich wie es selbst, zu erschaffen. So erhofft sich das Monster Liebe und Zuneigung.

Frankenstein aber befürchtet, dass diese Frau genauso böse werden könnte, und vernichtet sein fast vollendetes

Werk. Rasend vor Zorn tötet das Monster erst den Freund Frankensteins und später seine Braut in der Hochzeitsnacht.

Wenn „es“ keinen Trost und Liebe findet, dann auch nicht Frankenstein!

Immerhin weiß das Monster, das es für den Rest seines Lebens allein und ausgestoßen bleiben wird.

Viktor Frankenstein wiederum jagt sein Geschöpf, um es zur Strecke zu bringen und stirbt dabei selbst.

Das Monster findet seinen Leichnam, verfällt in tiefe Trauer, verabscheut sich wegen seiner begangenen Morde

und bringt sich im Feuer eines Scheiterhaufens schließlich selbst um.

Da ich mich die letzten Wochen offensichtlich zu sehr mit Frankensteins Monster identifiziert hatte, bin ich

entsetzt. Und ich denke: Hey, soweit muss es ja nicht kommen!

Die meisten von uns haben bestimmt schon einmal erfahren, wie es ist, wenn man etwas gut meint, und erst

recht einen auf die Mütze bekommt. „Undank ist der Welten Lohn“, heißt es dann.

Richtig schlimm aber ist es, wenn es auf Äußerlichkeiten gründet. Wenn die eigene Nase andern gerade, oder

auf Dauer, nicht passt; man in der richtigen Situation, die falsche Begleitung ist; oder in einem schlechten Moment, das richtige sagt und der andere einen einfach nicht mehr riechen mag … dann gibt’s da nur allzu oft Enttäuschung, Traurigkeit und Selbstmitleid.

Mitunter – wie in meinem Fall– auch mal krankheitsbedingt.

Ich konnte allerdings lebhaft spüren, wie das Gefühl der negativen Einsamkeit kein Ventil fand, wie Hass und Wut in greifbare Nähe rückten. Ich konnte zum ersten Mal das Monster verstehen, sein Problem, das missratene Äußere, das zu seiner Ausgrenzung führte. Seine Hoffnung, trotzdem Liebe und Zuneigung zu finden. Und ich schwankte mit, als sich diese Hoffnung zerschlug und das Gefühlsleben kippte. Zum ersten Mal konnte ich Rache zu hundert Prozent nachvollziehen.

Literatur hilft. Ein Buch zu lesen hilft. Eine Geschichte hilft, Gefühle zu durchleben, ohne anderen zu schaden. Oder auch nur im geringsten auf die Nerven zu gehen. Zum Beispiel aufgrund „verpasster“, einsamer Feiertage.

Mein Husten gipfelte letztendlich in einer akuten Bronchitis, die ich aber dank der bereits ergriffenen

Gegenmaßnamen im Griff habe. Außerdem bin ich noch immer dermaßen fasziniert von der gegenseitig ausgelösten Selbstzerstörung Viktor Frankensteins und seinem Monster, dass ich meine Depri über den eigenen Anblick glatt vergessen habe.

Im Nachwort lese ich, dass das Monster womöglich ein Teil von Frankensteins eigener, negativer Persönlichkeit ist, die er aus Selbstschutz von sich abgespalten hat.

Und während ich die letzten Zeilen dieses Blogs schreibe, werde ich mir bewusst, dass es sich mit meiner

Krankheit genauso verhält: Sie ist hässlich und ich hätte sie am liebsten weit weggestoßen. Aber sie ist (mittlerweile war) ein Teil von mir. Und dieser Teil verdient, genau wie der gesunde, meine Beachtung. Nur so kann er heilen, oder?

Mittlerweile ist das Gefühl der Einsamkeit verflogen. Ich sehe im wahrsten Sinne des Wortes wieder klar.

Und auch der Rest wird sich wieder fügen (ich setze auf gesunde Ernährung und – sobald wie möglich – auf Yoga).

Bei ihrem letzten Krankenbesuch meiner Mutter stellt sie fest, dass ich schon viel besser aussehe. Krank war

eben krank. Ich habe durchgehalten und losgelassen.

Das Loslassen möchte ich mir gerne auch für andere Gelegenheiten bewahren. Zum Beispiel für Tage, an denen

die Frisur nicht recht sitzt, die Hose zwickt und mir die Umwelt einfach auf die Nerven fällt.

Nicht jeder Tag ist eben gleich.

Veränderung ist Leben.

Einsamkeit mitunter ein Geschenk.

 

„[…] Ein Traum vergiftet uns im Schlaf das Herz,

Ein flüchtiger Gedanke trübt den Tag im Wachen.

Wir jauchzen vor Glück oder versinken in Schmerz,

Wir fühlen, denken, weinen oder lachen;

Es ist immer dasselbe, ob Freud oder Sorgen,

Doch niemand kennt des Vergehens Zeit,

Des Menschen Gestern ist vielleicht nicht sein Morgen,

Von Dauer allein ist Veränderlichkeit. […]“ *

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Danke an freestocks-photos, Free-Photos und Pexels von Pixabay für die schönen Fotos!

 

*(Frankenstein, 10. Kapitel, Zitat aus P. B. Shelley´s „Mutability“)