Da steht´s! Also stimmt´s?

Samstag. Nachmittag. Wir, eine Handvoll Autorinnen und Autoren, treffen uns zum zweiten Mal in diesem Monat zum konspirativen Austausch. In einem Café. Folgerichtig geht es zuallererst darum, die Verpflegung der nächsten vier oder fünf Stunden sicherzustellen.

Fett, Zucker und Koffein werden von der verschmitzt lächelnden Bedienung in ansprechender Form serviert. In befriedigendem Verhältnis öffnen sie den einen oder anderen Geist und entspannen so manches Sitzfleisch. Für Vertreter von Nahrungsunverträglichkeiten eine Katastrophe … aber das ist eine andere Geschichte.

Tatsache ist: Wir haben das Schreiben fest in unseren Alltag integriert. Es ist ein bedeutender Teil unseres Lebens. Und wir brennen darauf, „darüber zu reden“. Wir wollen die Worte, die uns auf dem Herzen liegen, zum Leben erwecken, ihnen eine Stimme geben. Nicht nur auf dem gedruckten Kopierpapier und den bekritzelten Karoblättern, die wir ehrfürchtig vor uns ausgebreitet haben. Auch die Worte anderer, festgehalten zwischen zwei Buchdeckeln und betitelt als „Bestseller“

regen uns an, darüber zu reden und – wie sollte es anders sein – zu diskutieren.

 

Mein Schreibkollege hebt die Hand. Ich halte inne. Das Glas Latte macchiato soll erst aufgefüllt werden. Der

Duft frisch gerösteten Kaffees zieht durch das Separee. Die erfahrene Bedienung steht schon längst bereit, ein kesser Spruch kommt über ihre Lippen. Mein Nachbar wischt sich freudestrahlend den restlichen Milchschaum von den eigenen.

Weiter im Text. Wir diskutieren. Denn es gibt viele Blickwinkel auf eine Sache, mindestens zwei Seiten der Medaille und mehr Geschmäcker als Tatsachen. Wie in einer Beziehung eben. Und auch wir legen ganz viel Liebe in unser Schreiben und sind enttäuscht, wenn diese nicht erwidert wird.

 

Immerhin können wir beeinflussen, wie das Geschriebene bei unserem Gegenüber ankommt. Wir geben unseren Worten Rückgrat. Prägendes Beispiel für mich war der Moment, als mich eine unbeteiligte Angestellte der Damenoberbekleidung eines Kaufhauses äußerst besorgt fragte: „Ist dir schlecht? Kann ich dir helfen?“

Ich war acht, von Natur aus sehr blass und vertrieb mir die Langeweile als Shoppingbegleiterin mit

scheinbar leidendem Blick in meine Einkaufstüte, während ich gekrümmt auf einem Hocker vor den Umkleidekabinen saß.

Heute weiß ich es besser: Haltung und Gesichtsausdruck sprechen Bände.

 

Genau wie bei meiner Schreibkollegin. Ein interessierter Blick auf die Mitte des Tisches, dann eine leicht nach vorn gebeugte grüblerische Innenschau, die Hände bittend zusammengeführt, ein suchender Blick zur Raumöffnung. Die Bedienung hat´s genau wie ich erahnt, sie steht lächelnd bereit. „Ein Eisbecher bitte!“

Und meine Kollegin lehnt sich ebenfalls lächelnd und zufrieden zurück …

Wo war ich?

Ach ja, Haltung und Gesichtsausdruck wecken Bilder bei meinem Gegenüber. Genau wie jedes Wort, das ich schreibe.

Mit Körper und Stimme gebe ich ihm eine eigene Haltung, Rückgrat eben, oder nicht. Heißt: Der Ton macht die Musik.

 

Das erfordert Mut. Ich bin auch heute wieder fasziniert, wie viel Überwindung es letztendlich kostet, den Mund aufzumachen. Und vorzulesen. Selbst in unserem kleinen, intimen Kreis, abgefedert durch Kaffee, Fett und Zucker.

 

Ich lese. Langsam hebe und senke ich meine Stimme, führe ein Wort nach oben, ein anderes nach unten,

spreche etwas lauter, dafür langsamer, betone, bis das letzte Wort in der Stille verhallt. Dann geschieht das Unfassbare: Jeder meiner Mitstreiter am Tisch hat verstanden, erkennt die Absicht, hat den Inhalt, Form und Farben so angenommen, wie ich es beabsichtigt hatte – und beschreibt mir das in seinen ganz eigenen Bildern. So bekomme ich einen neuen Blick auf mein eigenes Werk, erkenne mehre Seiten der Medaille und entdecke mir fremde Geschmäcker.

 

Der leere Eisbecher wird zufrieden zur Seite geschoben, der Schaum im Latte-macchiato-Glas hat sich selbstgenügsam aufgelöst. Pinkelpause.

Danach wird erörtert, erwägt, zerlegt. Immer. Mal mehr, mal weniger. Wie gut wurden die Schreibkniffe eingesetzt, mit welchen Schreibregeln gebrochen, oder hat am Ende der Text nur durch ein bisserl Talent

die Kurve bekommen?

Kann wehtun. Muss es aber nicht. Auch hier, wie in jeder guten Beziehung, ist Zuhören angesagt!

Immerhin sind Menschen anwesend, die sich Zeit nehmen, für mich und meine Leidenschaft. Wer´s richtig

macht, schöpft dadurch erst richtig Selbstvertrauen, erkennt den Wert, der eigenen Meinung.

 

Die Bedienung tänzelt herein und verschafft sich Gehör. Ihrer Meinung nach bräuchten wir noch was zu

trinken. Wir stimmen zu. Immerhin will jeder von uns lesen. Jetzt erst recht! Aber bitte nicht mit trockener Kehle.

Was wir alle erkannt haben, nach einigen dieser „süßen“ Samstage, ist, dass hinter jedem geschriebenen Wort

auch irgendwo eine Meinung, ein Blickwinkel steckt. Dadurch habe ich erkannt – und bestimmt jeder in unserer Runde – dass nicht alles, was geschrieben steht, sich auf eine bare Münze stützt. Wir haben gelernt, zu hinterfragen. Und ganz nebenbei ein paar „Bestseller“ vom Thron gestoßen.

Nicht, weil wir es etwa besser wüssten. Oder könnten. Allein, weil wir durch das Schreiben, Lesen, Redigieren

(und das unzählige Male von vorn) das Selbstvertrauen gewonnen haben, konstruktiv zu kritisieren. Bei uns selbst, im kleinen Kreis und auch dann, wenn es im „wahren Leben“ darauf ankommt.

In Beziehungen zum Beispiel. …

Die Bedienung stellt das Tablett mitten auf unseren Tisch und verteilt schwungvoll die uns bestimmten Tassen

und Gläser. Der Schreibkollege zu meiner Linken neigt sich zu ihr hin und gibt ihr mit gedämpfter Stimme einige Worte mit. Zustimmendes Nicken. Geschäftig

eilt sie davon.

Die Gulaschsuppe lässt nicht lange auf sich warten. Der würzige Geruch eilt ihr voraus und kämpft alles Süße nieder. Der Kollege hat Hunger bekommen. Wir alle Appetit auf mehr. Und lesen nacheinander.

 

Wir debattieren, disputieren, diskurrieren und ziehen nicht nur die Belletristik zurate, auch Sachtexte und alles, was uns ins Auge stach, als wir zu Hause die Zeitung aufgeschlagen haben. Das kostet Energie und Koffein. Und irgendwann ist auch der höchste Zuckerlevel

abgebaut.

Zufrieden erschöpft lehnen wir uns in den Stühlen zurück. Und winken der Bedienung zum Abkassieren. Kurz vor sechs Uhr abends. Letzte Worte werden

ausgetauscht. Über all das Schwarz auf Weiß. Und die vielen Grauabstufungen dazwischen.

 

Ihr fragt euch jetzt bestimmt, wie man die erkennt? Ganz einfach: Mal laut lesen!

Jeder von uns musste diesen Schock des ersten angestimmten Lesens überwinden. Einmal, um die richtige

Stimme zu finden. Das andere Mal, weil der eigene Text, selbst mit der bestgemeinten Betonung, einfach nicht funktionieren wollte.

Wenn ihr noch glaubt, dass das, was ihr gedruckt in euren Händen haltet, der Weisheit letzter Schluss wäre …

dann lest es bitte laut! Dadurch offenbart jeder Text seine bittersten Geheimnisse. Versprochen!

Und im besten Fall? Hört einer zu. Und sagt dann seine Meinung.

Das beflügelt unter Garantie die Fantasie. Und mit dem passenden Text als Grundlage, auch das eine oder andere Beziehungsleben.

 

Was dann kommt? Schreibt es doch am besten auf!

Ich mach mir solange einen Kaffee …

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Lest gerne auch diesen Text mal laut. Falls ihr abgründige Geheimnisse entdeckt, teilt sie mir bitte

mit! =0)

 

PPS: Danke an congerdesign und StartupStockPhotos von Pixabay für die schönen Fotos!