Zimmer mit Aussicht - Ein Selbstversuch

Das Telefon klingelt. Das Festnetz. Ganz old school.

Nette Tonfolge, denke ich. Lange nicht mehr gehört. Dann lasse ich die Töne durch mich hindurch, lasse sie los, benenne sie mit „Töne, Töne“ wenn sie wieder zurück in mein Bewusstsein treten … sprich: Eigentlich fühle ich mich gezwungen, abzuheben.

Ganz gegen die Empfehlung meines Meditationsmeisters, der mir gerade via IPod ein besseres Lebensgefühl vermitteln will, mich lehren, im Hier und Jetzt zu leben, nur für den Moment zu sein, ohne Fremdbestimmung von außen …

Gut. Aber hier und jetzt klingelt das Telefon.

Könnte was Wichtiges sein.

Während ich noch versuche, mich ästhetisch schwungvoll aus dem Schneidersitz zu erheben, verstummt die nette Tonfolge. Hier und jetzt habe ich den Anruf verpasst.

Meine Füße sind eingeschlafen und die Rufnummer ist unterdrückt. Rückruf unmöglich.

Ich tippele auf der Stelle, um meine Füße wiederzubeleben. Es folgt weder eine Benachrichtigung meiner Sprachbox, noch eine SMS, WhatsApp oder die weniger hübsche Tonfolge meines Smartphones. Also kann es nichts Wichtiges gewesen sein – oder?

Der Gedanke verfolgt mich noch den ganzen Tag.

Wie ein Echo schleicht sich das Gefühl, meiner Pflicht nicht nachgekommen zu sein, immer wieder in meine Gedanken.

„Echo, Echo“, sage ich dann, oder „Gefühl, Gefühl“. Mein Meditationsmeister wäre stolz auf mich.

Und: Es hilft tatsächlich! Ich merke, wie meine innere Unruhe zusammenschrumpft, wenn ich sie einfach benenne.

Im Lauf des Tages finde ich Gefallen an dieser Technik. Ich sage „Wäsche, Wäsche“ und „kochen, kochen“. Auch mal „Staub, Staub“, oder „eilig, eilig“.

Am Ende des Tages bin ich wesentlich entspannter. Auch, wenn ich nur die Hälfte meines täglich wachsenden Pensums bewältigt habe.

Ich sage „Pensum, Pensum“, greife mir ein Buch aus meiner Sammlung und kuschle mich in meinen Ohrensessel. Belohnung muss sein. Wenn ich schon mal so schön ausgeglichen bin, will ich die Ruhe endlich zum Lesen nutzen.

Ich schlage die erste Seite von ‚Zimmer mit Aussicht‘ auf.

 

Wie lange habe ich mich darauf gefreut, diesen Klassiker ein zweites Mal zu lesen!

Jahre habe ich diesen guten Vorsatz mit mir herumgetragen. Hätte ich lieber mal früher „Vorsatz, Vorsatz“ gesagt und das Buch beim ersten Gedanken daran aus dem Regal gezogen!

Edward Morgan Forsters Liebesroman von 1908 wurde zwar werkgetreu verfilmt (und dieser Film erhielt sogar 3 Oscars), aber nichts geht über seine, mit Leichtigkeit und Ironie aufs Papier gebrachten Worte.

Manche Teile lese ich laut. Weil das laute Aussprechen der beschriebenen Gefühle auch in diesem Fall

bei mir Wirkung zeigt …

 

     […] "Das hier ist mein Sohn", sagte der alte Mann. "Er heißt George. Er hat auch eine schöne Aussicht."

"Ah", machte Miss Bartlett und ließ Lucy, die schon im Begriff stand, etwas zu sagen, gar nicht erst zu Wort kommen.

"Was ich meine", fuhr er fort, "ist, Sie können unsere

Zimmer bekommen. Und wir nehmen Ihre. Wir tauschen einfach." Die besseren Kreisen angehörenden Touristen waren schockiert und hatten Mitgefühl mit den Neuankömmlingen. Miss Bartlett gab sich möglichst schmallippig, als sie auf das Angebot einging, und sagte: "Haben Sie vielen Dank, aber das kommt überhaupt nicht infrage."

"Warum nicht?“, sagte der alte Mann, beide Fäuste auf dem Tisch. "Weil es einfach nicht infrage kommt. Vielen Dank." "Ach, wissen Sie, wir nehmen nicht gern ...", begann Lucy.

Abermals ließ ihre Cousine sie nicht zu Wort kommen. "Aber warum?" Er ließ nicht locker. "Frauen machen sich was aus einer schönen Aussicht; Männer nicht." Woraufhin er mit beiden Fäusten auf die Tischplatte hieb wie ein ungezogenes Kind, sich seinem Sohn zuwandte und sagte: "George, überrede sie!"

„Es liegt doch auf der Hand, dass sie die Zimmer haben sollten", erklärte der Sohn. "Dazu ist nichts weiter zu sagen." […]

 

Ich lache laut und herzlich. Wie E. M. Forster mit den erstarrten Umgangsformen und leeren Konventionen der viktorianischen Gesellschaft abrechnet, ist einfach herrlich! Und über alles siegt die Liebe – ach!

Ich sehe aus meinem Fenster und genieße die Aussicht.

Ja, ich mach mir auch etwas aus schöne Aussichten. Und aus George. Wenn so einer mal anrufen

würde …

Vielleicht meditiere ich dann gerade und gehe nicht ran …

Mir wird heiß. Und kalt. Meine innere Unruhe steigt sprunghaft an. Spontaner Schweißausbruch.

Ich halte mir das Buch wieder dicht vors Gesicht, sage „Unruhe, Unruhe“ und versuche, mich mit aller Kraft auf die gedruckten Buchstaben zu konzentrieren.

Die ersten formen sich zu Worten. Da klingelt das Telefon.

Ich werfe das Buch zur Seite, springe aus dem Sessel auf und hetze Richtung Festnetz.

Ich gehe ran.

„Wer ist da noch mal?“, fragt eine grob charmante Stimme. Immerhin männlich.

Ich wiederhole höflich und langsam meinen Namen.

„Ich rufe schon zum zweiten Mal an!“, sagt die Stimme. „Ist da nicht Elektro Jung? Ich habe keine Zeit, noch länger auf ihren Monteur zu warten …!“

„Verwählt, verwählt“, denke ich, wünsche eine gute Zeit und lege auf.

Dann atme ich tief durch.

Ich hebe ‚Zimmer mit Aussicht‘ auf und lege das Buch behutsam zur Seite.

Morgen meditiere ich wieder. Oder lese in meinem Lieblingsbuch die nächsten Seiten. Am besten beides.

Und wenn es klingelt …

Ich zucke mit den Schultern und greife zum IPod. „Üben, üben“, sagt der Meister.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, denke ich, gebe mit „George, George“ der Unruhe einen neuen Namen, wenn sie wieder zurück in mein Bewusstsein tritt …

und schließe im Schneidersitz meine Augen.

Bis bald!

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Danke an Pexels, congerdesign und Webster2703 von Pixabay für die schönen Fotos!