Glaube, Liebe, Zeitmaschine

Für diesen Blog bin ich spät dran. Oder besser: Ich war spät dran. Er wurde nämlich nicht wie geplant im März veröffentlicht. Und ein Blick auf den Kalender bestätigt, dass nun der April auch schon so gut wie hin ist. Wenn ich dann noch in mein Mailpostfach schaue, den Manuskriptberg auf meinem Arbeitstisch bestaune und an meinen Haushalt denke …

Ganz ehrlich, es ist schon zu spät am Tag, um sich daran aufzureiben.

Ich gehe lieber ins Bett, greife zur Schlafmaske und wähle eine passende Tiefensuggestion auf meinem

I-Pod aus: 30 Minuten ‚Glaube an dich!‘. Und morgen werde ich dann endlich … seufz!

 

Was soll ich sagen? Ich bin immer noch spät dran. Nach den ersten Sätzen der wohlklingenden Stimme bin ich gestern Abend eingeschlafen. Kann mich noch an ‚Es existiert nur dieser Moment …‘ und ‚Sie schweben frei in Zeit und Raum …‘ erinnern. Keine Ahnung, wo der Tag danach geblieben ist. Ich sitze wieder auf der Bettkante, greife zur Schlafmaske und wähle heute: 45 Minuten ‚Liebe statt Angst!‘. Und morgen hole ich dann alles nach … stöhn!

 

Kaum aufgewacht erfasst mich Unruhe. Ich fühle mich getrieben. Obwohl ich liebe, was ich tue. Glaube ich.

Sicher glaube ich, dass ich mich mehr lieben müsste. Mit mir selbst mehr Geduld haben sollte. Oder?

Irgendwie geht mir alles zu schnell. Im Beruf, bei der Berufung, mit dem Leben. Und doch fühle ich mich, als steckte ich in einer Schlammgrube. Jeder Schritt ist zäh. Und wenn ich ihn geschafft habe, rutsche ich wieder ein Stück zurück. Was ich heute dennoch alles erledigt habe? Keine Ahnung. Viel, glaube ich. Für morgen habe ich jedenfalls noch genügend auf dem Zettel. Am liebsten würde ich die Zeit vor drehen. Oder besser zurück?

 

Ich sitze auf der Bettkante.

Die Schlafmaske liegt auf meinem Nachttisch. Genau wie der I-Pod. Akku leer.

Das Taschenbuch in meiner Hand ist dünn, der schwarz-gelbe Einband abgegriffen. Im Schein meiner Watt schwachen Leselampe stechen die kahlköpfigen roten Männchen mit den weißen Glupschaugen deutlich vom Buchumschlag hervor. Der Typ über ihnen, im schwarzen Anzug mit dem gepflegten Seitenscheitel, hält den Hebel in der Hand. Den Hebel von H. G. Wells Zeitmaschine.

 

Ich wünschte, ich hätte eine.

Wo ist die digitale Revolution, wenn man sie braucht? Von wegen Homo Digitalis!

Ich fand heute im World Wide Web noch nicht mal den passenden Druckertreiber zu meinem Betriebssystem. Es gibt ihn schlichtweg nicht mehr. ‚Zu viele‘ Jahre liegen zwischen Laptop und Multifunktionsgerät. Ich bin eben mal wieder zu spät dran. Und wünschte, ...

... ich hätte diese Zeitmaschine!

H. G. Wells hat in seinem Science-Fiction-Klassiker

von 1895 die Zeitreise mittels einer Zeitmaschine genau beschrieben. Nicht nur als Erster, sondern auch so anschaulich, dass sie selbst für den heutigen Leser

durchaus nachvollziehbar ist.

Ich schlage das Buch auf. Vielleicht plagte sich Wells auch mit dem Gefühl, im Leben oftmals zu spät dran zu sein. Immerhin hatte er keinen I-Pod, um abzuschalten. Und Not macht eben erfinderisch.

 

Herbert George Wells, ein Mann mit Opaschnauzer und Dackelblick, schreibt von der Unterdrückung des Menschen im Allgemeinen, von Klassenunterschieden im Besonderen und einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt. Sein Buch ist eine der ersten Dystopien.

Ich versuche allerdings, zwischen den Zeilen zu lesen. Wie war es für Wells, sich frei in Raum und Zeit zu

bewegen? Er hat´s bestimmt durchdacht ... Also, raus aus dem Schlammloch, rein in die vierte Dimension!

Ich rutsche tiefer in die Kissen und richte den Spot der Leselampe auf die ersten Seiten …

 

[…] „Ich fürchte, ich kann Ihnen die eigenartigen Empfindungen bei einer Reise in die Zeit nicht verdeutlichen. Sie sind außerordentlich unangenehm. Man kommt sich vor wie auf einer Rutschbahn – hilflos dem rasenden Abgleiten ausgeliefert! Ich hatte auch das gleiche, schreckliche Vorgefühl eines drohenden Zusammenstoßens. Während ich mit steigender Geschwindigkeit dahinraste, folgte die Nacht dem Tag wie das Schlagen einer dunklen Schwinge. […]

 

Mmh, im Strudel des Alltags fühlt es sich genauso an.

Heute Schreibtisch auf Vordermann gebracht, dazwischen Wäsche gewaschen, abgestaubt, gesaugt und Bett frisch bezogen, eingekauft, gekocht, Kurzgeschichte in Form gebracht, Jacob-Kapitel redigiert, Webseite aktualisiert. Und dann noch drei Gartencenter abgeklappert, um die letzten Hornveilchen zu erstehen. Denn für die Saison war ich – wie könnte es anders sein – zu spät dran.

Vor Sonnenuntergang habe ich dann schnell noch den Balkon bepflanzt … aber noch immer keine einzige Mail beantwortet.

Dafür hat mich eine weitere Nachricht über meine Webseite erreicht: „Wann ist es denn endlich soweit mit dem Jacob? Ich warte schon … Gruß A.“

Und die Nacht folgte mal wieder dem Tag „wie das Schlagen einer dunklen Schwinge“ … Ich wünschte, ...

... ich hätte diese Zeitmaschine!

 

Ich sitze auf der Bettkante. Das Taschenbuch in meiner Hand. Im Schein meiner Leselampe lege ich ihn wieder um: den Hebel von H. G. Wells Zeitmaschine.

[…] „Können Sie sich vorstellen, wie mir zumute war, als mich diese Gewissheit traf? Doch nein, das können Sie nicht. Die Zeitmaschine war verschwunden! Und wie ein Schlag ins Gesicht traf mich die Erkenntnis, dass ich damit ja meine eigene Zeit verlieren und hilflos dieser fremden, neuen Welt ausgeliefert bleiben könnte. Der bloße Gedanke an diese Möglichkeit fuhr mir durch Mark und Bein. Meine Kehle zog sich zusammen, und mir war, als müsste ich ersticken. […]

 

Oh doch! Ich kann es mir vorstellen. Was dem einen seine Zeitmaschine … Heute signalisierte mir mein Handy, dass es ab sofort keine Updates mehr ausführen wird und seine Funktionen in Zukunft stark eingeschränkt sein werden. Es fehlt ihm schlichtweg an Speicherkapazität.

Und das ganz ohne Datenmüll oder unnütze Apps. Nein, ganz allein durch Betriebssystem und Instant-Messaging-Dienste für beständige Kontakte.

Ich musste an den Zeitreisenden denken, der seine Maschine nicht findet, um zurückzureisen.

Ich habe das Handy ausgeschaltet und die Yogamatte ausgerollt. Und letztendlich kam mir der Tag sogar

viel länger vor …

 

Ich sitze auf der Bettkante. Das Taschenbuch in meiner Hand. Im Schein meiner Leselampe erkenne ich, dass ich weder etwas aufholen kann, noch alles vorarbeiten muss. Immer eine Seite nach der anderen. Und außerdem wäre es doch schade, auch nur eine Zeile zu verpassen …

 

[…] „Dann kam mir plötzlich das Komische meiner Lage in den Sinn: der Gedanke an all die Jahre, die ich mit Studium und harter Arbeit verbracht hatte, um in die Zukunft zu gelangen, und jetzt mein leidenschaftliches Streben, wieder hinauszukommen. Ich hatte mir selbst die komplizierteste und auswegloseste Falle geschaffen, die je ein Mensch ersonnen hat. Obgleich es auf meine Kosten ging, konnte ich nicht anders: Ich musste laut lachen. […]

 

Ich schmunzle. Auch ich habe Jahre damit verbracht, mich selbst zu tunen, effizienter Ziele zu erreichen, immer mehr als die hundert Prozent zu geben. Um heute ...

... einen Weg zurück zu suchen.

 

Ich sitze wieder auf der Bettkante und schlage das letzte Kapitel auf. Am Ende muss ich mir

eingestehen, dass Zeitreisen ein viel zu komplexes Thema sind. Etliche Filme und Serien haben auch nach H. G. Wells bewiesen, dass nicht nur Gutes dabei rum kommt. Mein Fazit: Auch tausende Jahre zu überspringen stresst. Die Pflicht wird nicht weniger und die Freude nicht größer.

 

Und wie erging´s dem Zeitreisenden?

[…] ‚Der Zeitreisende verschwand vor drei Jahren. Und wie jedermann heute weiß, ist er niemals zurückgekehrt.‘ […] ‚Er, das weiß ich – denn diese Frage ist lange vor dem Bau der Zeitmaschine zwischen uns erörtert worden - , hielt nicht sehr viel von dem sogenannten Fortschritt der Menschheit und sah in den wachsenden Errungenschaften der Zivilisation nur eine Anhäufung von Torheiten, die unweigerlich auf ihre Schöpfer zurückfallen und sie am Ende vernichten würden.‘ […]

 

Heute Morgen bin ich ausgeschlafen. Und stelle „Die Zeitmaschine“ zurück ins Bücherregal.

Nach ausgiebigem Frühstück und den ersten Alltagspflichtroutinen gehe ich auf meinen Balkon und betrachte die Hornveilchen. Ich klappe meinen Gartenstuhl auf und setze mich ein wenig zu ihnen. Die Sonne wärmt uns so schön. Statt weiter zu beschleunigen, lege ich den Hebel einfach um und halte kurz mal an.

Denn es existiert nur dieser Moment in Zeit und Raum.

Glaube und Liebe – ganz ohne Zeitmaschine.

 

[…] ‚Und zu meinem Trost trage ich zwei fremde weiße Blumen bei mir […] als Zeugen dafür, dass selbst nach dem Vergehen von Intelligenz und Stärke, noch Dankbarkeit und Liebe zueinander in den Herzen der Menschen weiterleben.‘

 

Carpe diem!

(wörtlich: „Pflücke den Tag“)

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Danke an darksouls1, rawpixel, DariusSankowski und SatyaRrem von Pixabay für die schönen Fotos!