Das Phantom der Erwartung

Morgens, 6:30 Uhr.

Der Wecker piepst. Ich schlage zu und die Bettdecke zurück. Ich denke, ich weiß, was mich heute erwartet. Zumindest habe ich eine genaue Vorstellung.

Ich schwinge meine Beine über die Bettkante, schlurfe ins Bad, blicke in den Spiegel: Pickel auf der Stirn.

Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Ich ignoriere das erste Problem und ziehe weiter in die Küche.

Die Kaffeemaschine blubbert, der Wasserkocher brodelt, das Brot im Brottopf ist geschimmelt. Über Nacht. Ich bin frustriert. Zwei Enttäuschungen am frühen Morgen ist eine zu viel.

Unnötig zu erwähnen, dass fast nichts an diesem Tag wie geplant vonstattenging: Kein Parkplatz im Schatten,

Angebote ausverkauft, Benzinpreis bei der Rückfahrt um 10 % gestiegen – Müllabfuhr in der Einbahnstraße, Wanderbaustelle, einseitige Sperrung der Doppelspur – zu spät auf der Massageliege, keine Entspannung aufgrund zu kalter Hände über mir – Schreibpensum vereitelt durch Migräne, der sportliche Einsatz

von verfrühter Periode und das lang ersehnte Sushi-Essen durchkreuzt von Sodbrennen.

Ich dagegen hatte mit einem reibungslosen Ablauf hinsichtlich meiner Planerfüllung gerechnet. Arroganterweise

nicht mal deren Abweichen in Betracht gezogen. Ging schließlich um Alltägliches. Ich hatte erwartet, dass meine Umwelt mitspielt und sich das Leben nach meinen Vorstellungen richtet. Die Erwartung hat wie ein Phantom in meinem Keller gehockt und nur darauf gewartet, sich an meiner Enttäuschung zu ergötzen.

Hat ja sonst nix.

Im Kopf pocht´ s, im Bauch brennt´s, im Unterleib zieht´s. Ich ergebe mich. Sage alle weiteren Vorhaben

für heute ab, brühe frischen Lavendeltee und mümmle mich in meinem Ohrensessel.

Auf der Kaminkonsole neben mir stehen meine Lieblingsbücher aufgereiht. Um mich abzulenken, greife ich nach einem. „Das Phantom der Oper“ liegt nun auf meinem Schoß. Ich schlage auf …

 

[…] Sie redeten alle durcheinander. Das Phantom war ihnen als Herr im Frack erschienen, der im Korridor plötzlich vor ihnen auftauchte, ohne dass sie zu sagen vermochten, woher er kam. Man hätte meinen können, er wäre aus der Wand getreten.

„Ach“, sagte eine von ihnen, die ihre Kaltblütigkeit einigermaßen bewahrt hatte, „überall seht ihr das

Phantom.“

Tatsächlich wurde seit einigen Monaten in der Oper nur noch von dem Phantom im Frack geredet, das wie ein

Schatten durch das ganze Gebäude huscht, das nie jemanden anredet, das niemand je anzureden wagte und das zudem in Nu verschwand, sobald man es erblickte, ohne dass man zu sagen vermochte, wohin und wie. Es bewegte sich lautlos, wie es sich einem echten Phantom ziemt. Anfangs lächelte und spöttelte man über dieses wie ein feiner Herr oder wie ein Leichenträger gekleidete Gespenst, aber schon bald nahm die Legende des Phantoms im Corps de ballet ungeheure Ausmaße an. Alle behaupteten, diesem übernatürlichen Wesen schon einmal in irgendeiner Form begegnet und seinen Hexereien zum Opfer gefallen zu sein. […]

 

Ich lehne mich zurück. Auch ich fühle mich heute als Opfer des Phantoms. Das Phantom meiner Erwartungen.

Wenn ich jetzt an meine Pläne denke, die ich für die nächsten Wochen geschmiedet habe, wird mir schlecht. Und vor denen, die noch dieses Jahr betreffen, bekomme ich regelrecht Angst.

Immerhin sind zwei Drittel der 12 Monate bereits futsch.

Meine Bestandsaufnahme wird zum Zwiegespräch mit dem Phantom …

… 28 grob skizzierte Kurzgeschichten liegen durchnummeriert auf meinem Schreibtisch und warten auf ihre Vollendung. Mindestens 15 davon sollten eigentlich noch dieses Jahr in meinem

zweiten Sammelband erscheinen (soweit meine Erwartung an mich). Vom

Strukturieren, Redigieren und Formatieren desselben ganz zu schweigen … Das

Phantom sagt: Ha, ha! Kannst du

vergessen! Ein weiterer Stich in meinen Magen.

Nicht weniger straff sitzt der Plan für meinen Kriminalroman. Und der hat Vorrang. Hilft auch nichts, dass ich einen Bericht im Fernsehen mitbekomme, in dem die irische Schriftstellerin Cecelia Ahern preisgibt, dass sie nach ihrem Debütroman P.S. Ich liebe Dich, pro Jahr einen Roman veröffentlicht. Gerade mal sechs Monate benötigt sie für eines ihrer Manuskripte. Respekt, sagt das Phantom. Träum weiter!

Da ist mir der deutsche Bestsellerautor Andreas Eschbach schon sympathischer: Nach eigener Aussage sieht jeder Tag bei ihm anders aus. Manchmal schreibt er zwölf bis vierzehn Stunden, manchmal gar nicht. Sein eigens errechneter Durchschnittswert in seinen ersten Jahren lag bei einer halben Stunde Schreibpensum pro Tag. Auch, wenn es mittlerweile auf ca. 2 Stunden gestiegen ist, benötigt er von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript heute im Schnitt 6 Jahre.

Ich dagegen hatte erwartet, die erste Korrekturfahne für den „kopflosen Jacob“, Ende dieses Jahres zu

setzen. Nach 4 Jahren. Doch die Figuren haben sich weiter entwickelt, haben mehr Raum und damit Zeit für sich beansprucht, während sich die Welt um mich herum immer schneller drehte. Ein durchschnittliches Schreibpensum kann ich nicht mal errechnen. Das Phantom sagt: Hi, hi! Hast du nicht erwartet, gell? Wenn du noch zwei Jahre brauchst, muss es aber ein Bestseller werden! Ha, ha!

Ich nippe an meinem Tee, ziehe meine Beine ran und verkrieche mich unter einer Wolldecke.

Auch, wenn ich mich beim Schreiben frei von Zeit und Raum fühle und am Ende des Tages trotz allem zufrieden bin … in diesem Moment wird mir bewusst: Erwartungen, die haben jeden Tag auch andere an mich.

Diesen Blog zum Beispiel haben einige bereits im Juli erwartet. Einige, dass hier, an dieser Stelle, gar nichts

mehr erscheint. Vermutlich habe ich es geschafft, nun beide Seiten zu enttäuschen.

Das Phantom der Erwartung kann wirklich grausam sein.

 

[…] Da trat er, mit seinen lippenlosen Zähnen fürchterlich knirschend, auf mich zu und überschüttete mich, die ich in die Knie sank, hasserfüllt mit sinnlosen Worten und wahnwitzigen Verwünschungen. Ach, Gott weiß mit allem!

Über mich gebeugt, rief er: „Schau hin! Du hast es sehen wollen! Sieh es dir an! Weide deine Augen,

berausche deine Seele an meiner verfluchten Hässlichkeit! Betrachte Eriks Gesicht! Jetzt kennst du das Gesicht der Stimme! Es genügte dir wohl nicht, mich nur zu hören, was? Du wolltest auch wissen, wie ich beschaffen bin! …“ […]

[…] „Dann zischte er mir zu: >Was? Ich jage dir Angst ein? Das kann sein! Du meinst wohl, dass ich noch immer eine Maske trage, wie? Dass dies hier, dass mein Kopf eine Maske ist? Nun gut<, brüllte er, >reiß ihn ab wie die andere! Komm schon! …“ […]

 

Ich glaube, wenn wir einen Moment ehrlich mit uns sind und die Masken herunterreisen, verstehen wir es:

Wir spiegeln uns mit unseren Erwartungen in den Augen der anderen. Und umgekehrt.

Wie steht es um die locker vereinbarten Treffen, die dieses Jahr nicht zustande gekommen sind? Das Phantom kichert. Wie lange warten Absender lieb gemeinter Mails auf eine Antwort? Eine, ich fasse es kaum, steckt

bereits seit Mai in meinem Posteingang. Das Phantom lacht schallend.

Bevor ich sie beantworten kann, poppt eine dringendere auf: Wie viele Bilder möchte ich für die Jahresausstellung meines Kunstvereins im November melden? Zwei, schreibe ich zurück. Eines ist immerhin fertig. Das Phantom bekommt sich gar nicht mehr ein.

 

Okay, rein theoretisch: Wenn ich alles dieses Jahr noch schaffen würde … was erwarte ich mir davon?

Offene Arme, die mich nach einem halben Jahr immer noch freudig zum Kaffee einladen? Einen

enthusiastischen Anruf eines Verlages, der es kaum erwarten kann, mich auf die Bestsellerliste zu pushen? Noch mehr Mails, diesmal voller Dank, dass meine Geschichten das Leben lebenswerter machen? Sprachlose Bewunderung ob der Geschichten, die sich in meinen gezeichneten Porträts widerspiegeln? Erwarte ich, für alles, was ich mehr schaffe, auch mehr geliebt zu werden? Das Phantom, eine knarzende Männerstimme in meinem Kopf, lacht hemmungslos.

 

[…] Sie begeisterte sich für diese Idee. Plötzlich wurde sie wieder ernst.

„Das ist Glück“, sagte sie, „das niemandem wehtut.“

Raoul begriff. Er stürzte sich auf diesen Einfall. Er wollte ihn sofort in die Tat umsetzen. Er verbeugte sich demütig vor Christine und sagte: „Mademoiselle, ich habe die Ehre, Sie um Ihre Hand zu bitten!“

„Sie haben doch schon beide, mein geliebter Verlobter! Ach Raoul, wie glücklich werden wir sein! Wir werden Braut und Bräutigam spielen!“

Raoul sagte sich: „Die Unbesonnene! Ich werde einen Monat Zeit haben, sie das Geheimnis der Männerstimme vergessen zu lassen oder es zu ergründen und zu zerstören. In einem Monat willigt dann Christine ein, meine Frau zu werden. Bis dahin: auf zum Spiel! …“ […]

 

Ein Spiel! Zulassen, ergründen oder zerstören?

Ich habe nicht aufgehört mit anderen zu reden, nur weil ein einzelner glaubte, meine verbalen Belanglosigkeiten wären nicht zu überbieten. Er hatte erwartet, dass ich seine Gedanken lese, erspüre, weiterführe. Besäße er selbst diese Fähigkeit, würde er sich die Belanglosigkeiten sicher zurückwünschen.

Ich habe nicht aufgehört, zu schreiben, auch wenn andere von meinen Geschichten weit weniger erwartet haben

und sich am Ende überfordert fühlten. Und ich treffe immer noch Menschen, obwohl einige in dieser Hinsicht gar nichts mehr von mir erwarten. Und viele von uns erwarten nach rekordmäßigen 104 Sommertagen über 25 Grad von den Wetterfröschen immer noch, dass sie für Regen sorgen.

Wie können wir dem Kreis der ewigen Enttäuschungen entkommen, wenn das Phantom der Erwartung genauso Waffe wie Geisel ist?

[…] „Es liegt an uns, ob wir mit heiler Haut hier herauskommen“, flüsterte ich, „aber wir müssen dabei unsere Kaltblütigkeit bewahren. Warum hat er Sie gefesselt, Mademoiselle? Er weiß doch, dass Sie sowieso nicht fliehen können!“

„Ich wollte mich umbringen! Nachdem der Elende mich noch halb betäubt vom Chloroform heute Abend hierher gebracht hatte, war er nochmals fortgegangen. Zu seinem Bankier – sagte er mir. Als er zurückkam, traf er mich, mit blutüberströmtem Gesicht an. Ich hatte mich umbringen wollen! Ich hatte mir die Stirn an der Wand wundgestoßen!“… […]

 

Das Reich des Phantoms ist riesig, unzählig die düsteren Ecken, in denen es sich verstecken kann. Und es wird leben, solange es uns Menschen gibt. Aber ob wir hinunter zu ihm, in den dunklen Keller steigen, ist allein uns selbst überlassen. Wir haben die Wahl. Enttäuscht zu sein – oder eben nicht.

Ich werfe einen Blick auf die Kaminkonsole. Neben meinen Lieblingsbüchern steht auch mein erster Sammelband „Das Herz“ und mein erster Roman „Nachtschmerz“. Ich grüble.

Wie oft bin ich während deren Entstehungszeit mit dem Kopf gegen die Wand gerannt! Und doch sind sie erschienen. Und haben mich und andere glücklich gemacht …

Das Phantom knurrt mürrisch und huscht in eine dunkle Ecke.

Ich lächle. Mich kreativ auszudrücken, bedeutet für mich Freiheit, Liebe und Glück. Also, warum sollte ich diese Gefühle an die Erwartungen anderer binden? Mir ist klar, dass ich diese Unabhängigkeit üben muss. Genau wie meine Gelassenheit am frühen Morgen, wenn sich mein Tagesplan mal wieder nicht erfüllt.

 

[…] Auf die Frage des Persers hin erzählte Erik, dass die beiden jungen Leute, sobald sie ihre Freiheit wiedererlangt hatten, beschlossen, sich an einem entlegen Ort trauen zu lassen und ihr Glück dort verborgen zu halten. Zu diesem Zweck nahmen sie an der Gare du Nord einen Zug „bis ans Ende der Welt“. Schließlich bat Erik den Perser, die beiden von seinem Tod zu unterrichten, sobald er die versprochenen Dinge empfangen habe. … […]

 

Ich horche. Das Phantom ist verstummt.

Ich schlage den Roman des französischen Schriftstellers Gaston Leroux zu. Ursprünglich war er in Fortsetzungen in der Zeitung Le Gaulois vom 23. September 1909 bis zum 8. Januar 1910 erschienen. Und wurde Lerouxs bekanntestes Werk. Der große Erfolg kam allerdings erst mit der Verfilmung von 1925 und fand bis jetzt mit Andrew Lloyd Webbers Musicaladaption seinen Höhepunkt.

Das hatte Leroux sicherlich nicht erwartet.

Ich stelle das Buch zurück auf die Kaminkonsole. Ich weiß nicht, ob ich dieses „Das Phantom der Oper“ liebe, weil es meine Erwartungen erfüllt, oder weil es mit ihnen spielt und mich immer wieder überrascht.

Vielleicht, überlege ich, sollte ich mich darüber freuen, dass es trotz aller Erwartungen im Leben immer noch genug gibt, das mich überraschen kann.

Ich strample die Decke zur Seite, bringe die leere Tasse in die Küche und gehe zu meinem Schreibtisch.

 

Während ich diesen Blog schrieb, habe ich Rohfassungen meiner künftigen Kurzgeschichten gesichtet und sortiert, Einfälle für ein weiteres Krimikapitel notiert, und die schiefe Nase an meiner Zeichnung wegradiert.

Und dabei unbewusst meine stärksten Waffen gegen zu hohe Erwartungen gespitzt: Geduld (mit mir selbst), Zuversicht (gegenüber anderen), Freude am Erschaffen (ohne Zeit und Raum) und sich währenddessen einfach mal überraschen lassen.

Immerhin heißt es auch: „Erwarte nicht zu viel!“ und nicht nur „Erwarte gar nix.“

Am Ende des Tages erkläre ich das Phantom der Erwartung im Grunde seines Herzens als gut.

Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

In diesem Sinne: Carpe diem!

 

Eure Simone

SAM Wolf

 

PS: Übrigens wird „Der kopflose Jacob“ definitiv erscheinen. Genau wie sein Nachfolger „Der halbierte Schwan“. Ebenfalls werde ich meinen zweiten Sammelband „Der Sturm – und … weitere kurze Geschichten zwischen Tag und Nacht“ veröffentlichen. Und in unregelmäßiger Regelmäßigkeit diesen Blog. Denn der Weg ist das Ziel. Vielen Dank fürs Lesen!

 

PPS: Danke an Free-Photos, LunarSeaArt und StockSnap von Pixabay für die schönen Fotos!