sam wolf
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Das Herz

... und 18 weitere kurze Geschichten um Leben und Tod

 Kapitel I – Das Leben

 

 

Der Hinweis

 

Ich bin Susanne Lederer, zweiunddreißig Jahre alt und habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden getötet. Obwohl mir des Öfteren danach war. Ich habe sogar Vater und Mutter geehrt. Und beides war ebenfalls kein leichtes Unterfangen. Ich habe alle Bildungswege bis zum Schluss durchgezogen und falle nur, wenn überhaupt, durch meine guten Manieren auf. Ich bin das, was man gemeinhin einen angenehmen Umgang nennt.

Doch alles, was leicht aussieht, ist bekanntlich schwere Arbeit. Ich folgte dem Versprechen: Wenn du artig bist, dann wirst du auch belohnt. Also kam ich von klein auf jedem Hinweis nach, den man mir großzügig schenkte. Von ‚wasch dir die Hände vor dem Essen‘ bis zu ‚für Leggings bist du einfach zu dick‘. Ich sah sogar irgendwann ein, dass ich für alle Zeit zu blass sein werde, um gesund zu wirken und zu leise, um im Kirchenchor den Solopart anzustimmen. Ich bewegte mich, seit ich denken kann, in den mir vorgegebenen Grenzen und überschritt sie kein einziges Mal. Und obwohl ich jeden Tag aufs Neue, alles, das man mir bisher geraten hat, sehr ernst nahm, fand ich nicht mein Glück.

Es war an einem Mittwoch, morgens um halb acht. Ich befragte das Zeitungshoroskop, weil das meine Handicaps wenigstens positiv formulierte, und zappte mich anschließend zu einer Dauer-Astro-Sendung eines Spartenkanals. Schließlich zog ich noch eine Karte aus meinem Engeltarot. Und doch war ich an diesem Tag mit keinem der mir entgegengebrachten Hinweise wirklich zufrieden. Sie waren nicht eindeutig. Weder wurde mir von etwas abgeraten, noch las oder hörte ich etwas, das ich für mein Glück hätte tun können. An diesem Tag sah ich es für immer in unerreichbaren Gefilden versinken.

Natürlich versteht jeder unter Glück etwas anderes. Doch wenn man jeden Zweiten befragt und die schalen, halbherzig vorgebrachten sozialen Aspekte beiseitelässt, bleiben drei Dinge, die so gut wie jeder als Erfüllung seines Wünschens und Strebens erachtet. Als Erstes möchte man geschätzt werden. Von seiner Umwelt – alle Lebensformen eingeschlossen – ausgedrückt durch Neid. An zweiter Stelle rangiert zumeist das liebe Geld. Man möchte ausgesorgt haben. Und wenn es noch ein bisserl mehr wird, ist es auch nicht schade drum. Drittens und sicher nicht als Letztes: die Zweisamkeit. Meistens romantisch verklärt und überbewertet und doch für wahres Glück unabdingbar. Die Gesundheit, meines Erachtens ein nicht zu vernachlässigender Punkt, fällt meistens hinten runter. Ich selbst sah meine Erfüllung in der Zweisamkeit. Ich hatte zwar keine Neider, aber dafür genügend Anerkennung für mein unauffälliges Benehmen. Vom ‚Ausgesorgthaben‘ war ich weit entfernt. Aber zumindest war das ‚H‘ auf meinem Konto kontinuierlich sichtbar. Nur das geteilte Glück war mir einfach nicht vergönnt. Trotz konsequentem Befolgen aller gut gemeinter Fingerzeige.

An diesem besagten Mittwoch stand ich am Rand der Klippe des unabwendbaren Leids. Und sah mich für morgen schon einen Schritt weiter. Ich ging zu meinem Wandkalender und wollte dieses Versagen meinerseits farblich auf dem Quadrat des nächsten Tages markieren. Denn Ordnung ist neben Fleiß, Aufmerksamkeit und Betragen eins der Dinge, das ich schon mit der Muttermilch aufgesogen habe. Da blieb mein Blick auf dem kursiv gedruckten Zitat oberhalb des Kalendariums hängen. Ich las, bevor ich markierte. Und erhielt den entscheidenden Hinweis:

Ja, renn nur nach dem Glück

Doch renne nicht zu sehr!

Denn alle rennen nach dem Glück

Das Glück rennt hinterher.

Sofort war ich bereit, der Weisheit des deutschen Dramatikers zu folgen. Leider ist er schon tot, sonst hätte ich ihm einen Brief geschrieben, mich für die Inspiration bedankt und um einen weiteren Tipp gebeten. So trank ich meinen Kaffee und ging zur nächsten Bushaltestelle …

 

 

 ... danach wird auf jeden Fall alles anders. Nachzulesen in "Das Herz"